Das vegetative Nervensystem

Autor: PD Dr. med. Gesche Tallen, Maria Yiallouros, erstellt am: 24.04.2007, Redaktion: Maria Yiallouros, Zuletzt geändert: 04.07.2016

Da eine der Aufgaben des Zentralnervensystems (ZNS) die Regulation des vegetativen Nervensystems ist, soll hier kurz erklärt werden, wie dieses die Funktionen der menschlichen Körperorgane aufrechterhält, kontrolliert und steuert.

Aufbau und Funktion des vegetativen Nervensystems

Das vegetative (oder viszerale oder autonome) Nervensystem ist für die Versorgung der inneren Organe (Eingeweide, Blutgefäße, Drüsen) zuständig. Dazu sind beinahe alle Körpergewebe von einem feinen Nervenfasergeflecht durchsetzt.

Wie beim Zentralnervensystem (ZNS) unterscheidet man auch beim vegetativen Nervensystem jene Nervenbahnen, die von den inneren Organen zum Gehirn aufsteigen, um Informationen abzugeben (afferente, sensible Nervenbahnen) und solche, die vom Gehirn durch das Rückenmark zur Organmuskulatur und zu den Drüsen absteigen und Befehle abgeben (efferente, motorische und sekretorische Nervenbahnen).

Die Hauptaufgabe des vegetativen Nervensystems besteht darin, das innere Milieu des Organismus, das heißt, die lebenswichtigen Funktionen (Vitalfunktionen) – wie zum Beispiel Stoffwechsel, Atmung, Kreislauf und Wasserhaushalt – aufrechtzuerhalten. Außerdem reguliert das vegetative Nervensystem verschiedene Organfunktionen, auch die von Drüsen, Geschlechtsorganen und einigen Augenmuskeln, und sorgt damit für deren Anpassung an die wechselnden Umwelterfordernisse.

Die oberste Kontrollinstanz des vegetativen Nervensystems ist der Hypothalamus im Zwischenhirn (siehe auch Kapitel "Zwischenhirn"). Durch seine Zusammenarbeit mit der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) reguliert er vor allem die Tätigkeit der Hormon-produzierenden Drüsen. Außerdem ist an der zentralen Regulation von Herzschlag, Atmung und Blutdruck zusätzlich eine Struktur im Hirnstamm (Formatio reticularis) beteiligt.

Das vegetative Nervensytem kann nicht willkürlich beeinflusst werden. Es steuert sich selbst, funktioniert also autonom. Aus diesem Grund wird es auch autonomes Nervensystem genannt.

Im Hinblick auf seine strukturellen und funktionellen Eigenschaften kann das vegetative Nervensystem in zwei Teile gegliedert werden: Sympathicus [sympathisches Nervensystem] und Parasympathicus [parasympathisches Nervensystem]. Die beiden Systeme wirken einander entgegen und regulieren sich dadurch selbst. Auf diese Weise wird im gesunden menschlichen Organismus ein lebensnotwendiges Gleichgewicht der Organfunktionen aufrechterhalten. Bis auf wenige Ausnahmen wird die Funktion aller inneren Organe von beiden Anteilen des vegetativen Nervensystems gesteuert.

Sympathisches und parasympathisches Nervensystem haben Anteile sowohl im Zentralnervensystem als auch im peripheren Nervensystem: Zum zentralen (vegetativen) Nervensystem gehören die im ZNS gelegenen Zellgruppen von Sympathicus und Parasympathicus. Parasympathische Nervenzellkerngruppen liegen im Hirnstamm und auch im Rückenmark im Steißbeinbereich, während die meisten sympathischen Nervenzellkerne im Rückenmark von Brust- und Lendenwirbelsäule anzutreffen sind (siehe auch Abbildung zum autonomen Nervensystem im Seitenteaser rechts).

Sympathisches Nervensystem (Sympathicus)

Der Sympathicus wird durch erhöhte körperliche Leistung erregt, er hat eine energiemobilisierende und aktivitätssteigernde Funktion für den Körper. Der Symphaticus bewirkt eine Erhöhung des Blutdrucks, eine Beschleunigung von Herzschlag und Atmung, eine Erweiterung der Pupillen und, zum Beispiel, eine vermehrte Schweißabsonderung. Gleichzeitig dämpft er die Tätigkeiten von Magen und Darm (Herabsetzung der Peristaltik) sowie deren Drüsen.

Die Zellkörper der sympathischen Nervenzellen liegen hauptsächlich im Rückenmark von Brust- und Lendenwirbelsäule. Von dort schicken sie ihre Fasern zum sympathischen Grenzstrang (Truncus sympathicus). Es handelt sich dabei um eine Kette von Nervenzellhaufen (sympathischen Ganglien), die zu beiden Seiten der Wirbelsäule von der Schädelbasis bis zum Steißbein verläuft. Vom Grenzstrang aus ziehen dann Nervenfasern zu den einzelnen Organen, wo sie sich netzartig ausbreiten (siehe Abbildung unten).

(© lom123 - Fotolia.com)
Die Abbildung zeigt einen Ausschnitt der Wirbelsäule im Brustbereich (Brustwirbelsäule) mit den beiderseits verlaufenden Grenzsträngen, die wiederum Nervenfasern zu den Körperorganen aussenden.

Die Erregungsübertragung erfolgt im Sympathicus durch die chemische Substanz (Neurotransmitter) Noradrenalin (siehe Kapitel "Feingeweblicher Aufbau", Abschnitt zur Nervenzelle).

Parasympathisches Nervensystem (Parasympathicus)

Der Parasympathicus sorgt, im Gegensatz zum Sympathicus, eher für den Erhalt und den Wiederaufbau der Körperenergien. Überwiegt der Einfluss des Parasympathicus, so kommt es einerseits zum Beispiel zur Verlangsamung von Herzschlag und Atmung und zur Pupillenverengung; andererseits werden Magen-Darm-Tätigkeit verstärkt und die Blasen- und Mastdarmfunktion gefördert.

Der Hauptnerv des Parasympathicus ist der X. Hirnnerv (Nervus vagus). Dieser entspringt im verlängerten Mark des Hirnstamms, also im Gehirn, zieht von dort aus, zusammen mit den großen Halsgefäßen, abwärts und breitet sich in Höhe des Brustkorbs netzartig im Bereich der Brust- und Bauchorgane aus. Aber auch andere Hirnnerven, beispielsweise der III. Hirnnerv (Augenmuskelnerv), führen parasympathische Fasern (siehe dazu auch Kapitel "Hirnstamm und Hirnnerven"). Weitere Nervenzellgruppen des Parasympathicus liegen im Rückenmark im Steißbeinbereich.

Die Erregungsübertragung erfolgt im Parasympathicus durch den Neurotransmitter Acetylcholin (siehe Kapitel "Feingeweblicher Aufbau", Abschnitt zur Nervenzelle).

Der Sympathicus dient also der Leistungssteigerung, zum Beispiel in Stress- und Notfallsituationen, während der Parasympathicus hauptsächlich für die Erholung und den Aufbau körperlicher Reserven verantwortlich ist.

Bezug zur Kinderkrebsheilkunde:

Ein Tumor des Zentralnervensystems befällt selten das vegetative Nervensystem allein. Durch den von einem ZNS-Tumor ausgehenden Druck kann es jedoch zu Funktionsausfällen kommen, die den zentralen Anteil des vegetativen Nervensystems (zum Beispiel dessen Nervenzellkerngruppen im Hirnstamm) miteinbeziehen, was wiederum Störungen für die Endorgane mit sich bringen kann.

Andere bösartige Neubildungen wie die Neuroblastome können hingegen von entarteten, unreifen Zellen des sympathischen Grenzstrangs ausgehen.