Spätfolgen
Autor: Dr. med. Gesche Tallen, Redaktion: Prof. Dr. med. Dr. h.c. G. Henze, Zuletzt geändert: 29.06.2009
In den vergangenen 25 Jahren wurden interdisziplinäre Therapiestudien zur Behandlung von Krebserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen entwickelt und multizentrisch (in Zusammenarbeit verschiedener Behandlungszentren) eingesetzt. Dank dieser erfolgreichen Behandlungsstrategien können heute etwa drei Viertel aller Erkrankten geheilt werden. Die erforderliche Therapie führt zu den bekannten akuten Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen, Haarausfall und Erhöhung der Infektanfälligkeit, die sich nach Abschluss der Behandlung zurückbilden. Darüber hinaus ist die Therapie von Krebserkrankungen jedoch bei einigen Kindern durch das Risiko von Spätfolgen belastet. Eine regelmäßige Nachsorge ist daher auch aus diesem Grund über lange Zeit erforderlich. Entscheidend für die Art der Nachsorge des einzelnen Patienten ist letztlich dessen individuelle Krankengeschichte. Sie bestimmt die Suche nach Spätfolgen.
Einige wichtige Spätfolgen
- Chronische Infektionen werden vor allem durch die Gabe von Blut und Blutprodukten verursacht und können inapparent verlaufen. Eine Reihe von Überlebenden leiden unter den Folgen dieser Infektionen. Insbesondere handelt es sich um chronische Hepatitiden.
- Bei Kindern mit höherer Schädelbestrahlung (mehr als 30 Gy) kann die Produktion von Wachstums- und anderen Hypophysenhormonen vollständig ausfallen. Aus diesem Grund sind zumindest bis zum Erreichen der Pubertät Nachsorgemaßnahmen nötig.
- Hormonveränderungen bei Langzeitüberlebenden sind oftmals nicht auf die Therapie zurückzuführen, sondern Folge der Grunderkrankung. Eine Wachstumsverzögerung während der Krebsbehandlung wird meistens nach Abschluss der Therapie durch ein so genanntes Aufholwachstum ausgeglichen.
- Eine direkte Bestrahlung der Wirbelsäule kann zu einem verzögerten Rumpfwachstum führen oder bei einseitiger Bestrahlung eine Skoliose (Form- und Strukturveränderungen der Wirbelsäule) verursachen.
- Bestrahlungen im Hals-, Gesichts- und Mediastinalbereich können eine Schilddrüsenfunktionsstörung auslösen.
- Eine abdominelle Bestrahlung kann die Gonaden direkt schädigen, was zu einer Störung der Samenzellbildung (Spermiogenese) führen kann. Insgesamt reagieren die Hoden empfindlicher als die Ovarien auf eine antineoplastische Behandlung. Dementsprechend ist die Fruchtbarkeit (Fertilität) bei jungen Männern häufiger eingeschränkt als bei Frauen.
- Schädelbestrahlungen von mehr als 30 Gy sowie bestimmte zytostatische Substanzen können langfristig zu Hörschäden führen.
- Als Spätfolge jeweils bestimmer Zytostatika oder bestimmter Bestrahlungsformen können verschiedene Störungen der Herzfunktion resultieren. Auch Beeinträchtigungen der Nieren- sowie der Leberfunktionen sind möglich.
- Das Gehirn junger Menschen wird besonders durch die für die Behandlung mancher Hirntumoren nötige Strahlendosis beeinträchtigt, wodurch es zu morphologischen ZNS-Veränderungen und neuropsychologischen Beeinträchtigungen kommen kann (zum Beispiel Schwächen verbaler und besonders non-verbaler kognitiver Leistungen und des Kurzzeitgedächtnisses durch verkürzte Aufmerksamkeitsspannen und geringere Konzentrationsfähigkeit). Im Alltagsleben sind jedoch die meisten Patienten in der Lage, durch individuelle Kompensationsmechanismen und gezielte Förderung eine für sie gute Lebens- und Leistungsqualität zu erreichen.
- Zweitmalignome können bereits im ersten Jahr nach Beendigung der Primärbehandlung auftreten, aber auch erst nach über 20 Jahren. Sie werden durch eine genetische Veranlagung (Disposition) begünstigt. Einer ersten Analyse der Dokumentation von Zweittumoren zu Folge, treten in etwa 3 % der Fälle Zweittumoren in den ersten 10 Jahren nach Abschluss der onkologischen Therapie auf.
- Nach einer fünfjährigen Nachbeobachtungszeit können etliche der Kontrolluntersuchungen zur Erfassung und Behandlung von Spätfolgen reduziert werden, mit Ausnahme des endokrinen Systems junger Patienten, das bis zur Pubertät untersucht wird. Im weiteren Verlauf muss bei Geheilten vor allem auf eine Kardiotoxizität (Herzerkrankungen) und ein Zweitmalignom geachtet werden.





