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Niedrigmaligne Gliome (Kurzinformation)

Autor: Dipl. Biol. Maria Yiallouros; Dr. med. Gesche Tallen, erstellt am: 20.04.2007, Freigabe: Dr. med. Astrid Gnekow; Prof. Dr. med. Ursula Creutzig, Zuletzt geändert: 12.01.2012 doi:10.1591/poh.patinfo.ng.kurz.1.20070627 , Kurz-URL: www.kinderkrebsinfo.de/niedrigmaligneGliome_Kurzinfo

Krankheitsbild

Niedrigmaligne (geringgradig bösartige) Gliome oder Gliome niedrigen Malignitätsgrades sind Tumoren des Zentralnervensystems (ZNS). Sie gehören zu den soliden Tumoren und entstehen infolge einer Entartung von Zellen des Gehirns oder Rückenmarks. Da sie direkt vom Zentralnervensystem ausgehen, werden sie auch als primäre ZNS-Tumoren bezeichnet. Damit werden sie von Absiedelungen (Metastasen) bösartiger Tumoren abgegrenzt, die in einem anderen Organ entstanden sind.

Prinzipiell können niedrigmaligne Gliome in allen Abschnitten des Zentralnervensystems entstehen. Am häufigsten kommen sie jedoch im Kleinhirn und in den zentralen Anteilen des Großhirns vor. Meist wachsen sie sehr langsam. Da der knöcherne Schädel jedoch nur begrenzt Raum für wachsendes Gewebe bietet und zum Teil lebenswichtige Hirnregionen betroffen sind, können niedrigmaligne Gliome im Krankheitsverlauf dennoch lebensbedrohlich sein.

Häufigkeit

Niedrigmaligne Gliome sind mit 30 bis 40 % die größte Gruppe der ZNS-Tumoren bei Kindern und Jugendlichen. Sie können in allen Altersgruppen vorkommen. Das Durchschnittsalter der Patienten zum Zeitpunkt der Diagnosestellung liegt zwischen dem fünften und siebten Lebensjahr.
In Deutschland erkranken pro Jahr etwa 120 bis 150 Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren neu an einem niedrigmalignen Gliom. Dies entspricht einer Häufigkeit von 10 bis 12 Neuerkrankungen pro 1.000.000 Kinder. Jungen sind etwas häufiger betroffen als Mädchen (Geschlechterverhältnis 1.2 : 1).

Formen niedrigmaligner Gliome

Die große Gruppe der niedrigmalignen Gliome umfasst zahlreiche Tumortypen, die sich in ihrem feingeweblichen Aufbau voneinander unterscheiden. Sie werden nach der Einteilung der Weltgesundheitsorganisation (WHO-Klassifikation) entweder dem WHO-Grad-I oder dem WHO-Grad-II zugeordnet, also niedriggradigen Gliomen. Ein Übergang von Grad-II-Gliomen zu höhergradigen (hochmalignen) Gliomen, wie er bei Erwachsenen nachweislich vorkommt, ist im Kindesalter vermutlich selten. Allerdings lässt sich dies nicht mit Sicherheit sagen, weil es bei Kindern schwierig ist, aus großen Tumoren verlässlich aussagekräftige Proben zu gewinnen.

Das Wachstum von niedrigmalignen Gliomen ist unvorhersehbar, meist jedoch langsam und auf den Ort der Entstehung beschränkt. In manchen Fällen werden sogar lange Phasen des Wachstumsstillstands beobachtet. Es kommt aber auch vor, dass ein Tumor schnell und aggressiv wächst. Das Risiko einer Streuung von Tumorzellen (Metastasierung) über die Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit (Liquor) ist im Allgemeinen gering, bei jüngeren Kindern mit niedrigmalignen Gliomen im Bereich der Sehbahn allerdings erhöht.

Ursachen

Niedrigmaligne Gliome entstehen durch eine bösartige Veränderung (Entartung) von Zellen des Nervenstützgewebes, den Gliazellen. Die Ursache dafür ist noch weitgehend ungeklärt.

Bekannt ist, dass Kinder und Jugendliche mit bestimmten angeborenen Fehlbildungskrankheiten (zum Beispiel Neurofibromatose Typ 1 (NF 1) oder tuberöse Sklerose) ein deutlich erhöhtes Risiko haben, an einem niedrigmalignen Gliom zu erkranken. So entwickeln beispielsweise bis zu 20 % der Patienten mit Neurofibromatose Typ 1 niedrigmaligne Gliome, meist im Bereich der Sehbahn.
Auch durch eine Bestrahlungsbehandlung des Schädels im Kindesalter, zum Beispiel bei einer akuten Leukämie oder einem bösartigen Augentumor wie dem Retinoblastom, nimmt das Risiko für einen späteren Hirntumor zu.

Krankheitszeichen

Krankheitszeichen entwickeln sich bei Kindern und Jugendlichen mit einem niedrigmalignen Gliom aufgrund des langsamen Tumorwachstums in der Regel schleichend. Sie entstehen durch den Druck, den der Tumor zunächst auf das umgebende Gewebe und im fortgeschrittenen Stadium im gesamten Schädel oder Rückenmarkskanal ausübt. Dabei spielt auch die Schwellung (Ödem) eine wichtige Rolle, die der Tumor im angrenzenden normalen Hirngewebe erzeugt.

Je nach Lage des Tumors und Alter des Patienten kann es unter anderem zu gesteigerter Kopfumfangszunahme (Makrocephalus), Entwicklungsverzögerungen, Kopf- oder Rückenschmerzen, morgendlichem (Nüchtern-)Erbrechen und Schwindelgefühlen kommen. Auch Gang-, Seh-, Konzentrations-, Bewusstseins-, Schlaf- und Appetitregulationsstörungen können auftreten, ebenso wie Lähmungen oder Krampfanfälle.

Diagnose

Findet der (Kinder-)Arzt durch Krankheitsgeschichte (Anamnese) und körperliche Untersuchung Hinweise auf einen bösartigen Tumor des Zentralnervensystems, wird er den Patienten in ein Krankenhaus überweisen, das auf Krebserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen spezialisiert ist (Klinik für pädiatrische Onkologie/Hämatologie). Denn bei Verdacht auf einen solchen Tumor sind umfangreiche Untersuchungen und die Zusammenarbeit von Spezialisten unterschiedlicher Fachrichtungen notwendig, um festzustellen, ob tatsächlich ein bösartiger ZNS-Tumor vorliegt und, wenn ja, um welche Form des Tumors es sich handelt und wie weit sich die Erkrankung im Körper ausgebreitet hat. Die Klärung dieser Fragen ist Voraussetzung für eine optimale Behandlung und Prognose des Patienten.

Zur Diagnosestellung eines ZNS-Tumors wie dem niedrigmalignen Gliom führen – nach erneuter sorgfältiger Anamnese und körperlicher Untersuchung – zunächst Bild gebende Verfahren wie die Computertomographie und die Magnetresonanztomographie. Mit Hilfe dieser Methoden lässt sich genau feststellen, ob ein Tumor des Zentralnervensystems vorliegt. Auch Lage und Größe des Tumors sowie seine Abgrenzung zu Nachbarstrukturen sind sehr gut sichtbar. Bei Kindern mit Verdacht auf Tumoren der Sehbahn erfolgt zudem eine gründliche Untersuchung durch einen erfahrenen Augenarzt. Je nach Krankheits- und Behandlungssituation kommen weitere Untersuchungen hinzu.

Zur endgültigen Sicherung der Diagnose muss eine Gewebeprobe entnommen werden (Biopsie). Nur bei wenigen Kindern mit Tumoren der Sehbahn und des Zwischenhirns kann auf eine feingewebliche (histologische) Gewebesicherung verzichtet werden, da bei diesen Gliomen bereits die Bild gebenden Verfahren zu charakteristischen Befunden führen.

Therapieplanung

Wenn die Diagnose feststeht, erfolgt die Therapieplanung. Um eine möglichst individuelle, auf den Patienten zugeschnittene (risikoadaptierte) Behandlung durchführen zu können, berücksichtigt das Behandlungsteam bei der Planung bestimmte Faktoren, die die Prognose des Patienten beeinflussen (so genannte Risiko- oder Prognosefaktoren).

Wichtige Prognosefaktoren bei Patienten mit einem niedrigmalignen Gliom sind die Art, Lage und Ausdehnung des Tumors, die anhand der beschriebenen Diagnoseverfahren ermittelt werden. Darüber hinaus spielen aber auch das Alter und der Gesundheitszustand des Patienten eine wichtige Rolle. All diese Faktoren fließen in die Behandlungsplanung ein mit dem Ziel, für jeden Patienten das jeweils bestmögliche Behandlungsergebnis zu erreichen.

Behandlung

Die Behandlung besteht im Allgemeinen aus einer Operation zur Entfernung des Tumors (Neurochirurgie) und/oder der Chemotherapie und/oder der Strahlentherapie. Dabei hat die neurochirurgische Tumorentfernung die größte Bedeutung. Ihre Dringlichkeit richtet sich vor allem nach der Schwere der Krankheitszeichen und der Lage des Tumors. Rückblickend weiß man, dass das Ausmaß dieser Operation den anschließenden Krankheitsverlauf am stärksten beeinflusst. Allerdings lassen sich manche Tumoren aufgrund ihrer Lage im Zentralnervensystem nicht ohne schwerwiegende neurologische Folgeschäden komplett entfernen, so dass von vornherein das Belassen eines Resttumors geplant werden muss oder nur eine Gewebeprobe entnommen wird (letzteres gilt nicht für Kinder mit Tumoren der Sehbahn und des Zwischenhirns).

Für Kinder, deren Tumor nicht komplett entfernbar ist, kann zur Weiterbehandlung eine nicht-chirurgische Therapie, also eine Chemo- und/oder Strahlentherapie in Frage kommen. Die Experten sind sich darin einig, dass eine nicht-chirurgische Therapie zum Zeitpunkt der Diagnosestellung nur begonnen wird, wenn bestimmte schwerwiegende Symptome vorliegen. Wenn ein Tumor anfangs nur beobachtet wird (weil beispielsweise nach einer operativen Teilentfernung des Tumors keine schweren Symptome mehr bestehen), dann ist eine nicht-chirurgische Therapie erst dann angezeigt, wenn sich die Krankheitszeichen verschlimmern und/oder wenn im Rahmen der regelmäßig durchgeführten Bild gebenden Kontrolluntersuchungen ein Wachstum des verbliebenen Tumoranteils beobachtet wird. Für die meisten Kinder ist die Überlebenswahrscheinlichkeit zumindest in den ersten fünf bis zehn Jahren hoch, auch wenn der Tumor nur teilweise entfernt wurde.

Therapieoptimierungsstudien

In den großen Behandlungszentren werden Kinder und Jugendliche mit niedrigmalignem Gliom nach standardisierten Therapieprotokollen behandelt, die für alle Patienten (mit oder ohne Neurofibromatose) ein einheitliches Behandlungskonzept mit altersabhängigen Empfehlungen für die nicht-chirurgische Therapie anbieten. Das Ziel dabei ist, eine hohe Überlebenswahrscheinlichkeit der Patienten ohne erneutes Tumorwachstum zu erreichen und langfristige Auswirkungen des Tumors auf die Gesundheit des Patienten (zum Beispiel bei Sehbahntumoren auf die Sehfähigkeit) zu verringern. Die Behandlung nach Therapieprotokollen erfolgt in aller Regel im Rahmen von Therapieoptimierungsstudien.

Zurzeit läuft in Deutschland und in vielen europäischen Ländern eine internationale Therapieoptimierungsstudie zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit niedrigmalignen Gliomen: die Studie SIOP-LGG 2004. An der Studie sind zahlreiche Kinderkliniken und Behandlungseinrichtungen in ganz Deutschland sowie in Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Italien, Norwegen, Österreich, Spanien, Schweden, der Schweiz, aber auch in Australien beteiligt. Die deutsche Studienzentrale befindet sich an der Kinderklinik Augsburg (Studienleitung: Dr. med. Astrid K. Gnekow).

Krankheitsverlauf

Abhängig von Art und Lage des Tumors, dem Ausmaß der Tumorentfernung, dem Alter des Patienten sowie dem Fehlen oder Vorhandensein einer Neurofibromatose Typ 1 unterscheidet sich der Krankheitsverlauf von Kindern und Jugendlichen mit niedrigmalignem Gliom erheblich und ist keinesfalls immer günstig. Ergebnisse verschiedener internationaler Therapieoptimierungsstudien haben gezeigt, dass die in den Behandlungsprotokollen empfohlene Therapiestrategie dazu beigetragen hat, die Erkrankung in vielen Fällen zu stabilisieren, das heißt, deren Fortschreiten zu verhindern. Außerdem hat sich die protokollgemäße Chemotherapie als wirksam erwiesen. Sie kann den Zeitpunkt des Beginns einer Strahlentherapie und damit auch das Auftreten unerwünschter strahlenbedingter Spätfolgen hinauszögern.

Prognose

Die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit einem niedrigmalignen Gliom hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten dank der Einführung verbindlicher Gesamtbehandlungsstrategien stark gewandelt. Auch moderne Diagnose- und Operationsverfahren wirken sich günstig aus.

Die meisten Patienten, die an einem niedrigmalignen Gliom erkrankt sind, haben sehr gute Überlebenschancen (10-Jahres-Überlebenswahrscheinlichkeit von durchschnittlich etwa 80 %). Die Behandlungsmöglichkeiten und damit auch die Prognose der Erkrankung hängen allerdings maßgeblich vom Ort des Tumors und seiner Operabilität ab. Darüber hinaus können neurologische, besonders aber ophthalmologische, intellektuelle, hormonelle und psychosoziale Defizite zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität führen.

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PDF-Datei
Patienten-Kurzinformation
zur den niedrigmalignen Gliomen  urlPDF-Datei
Aufbau und Funktion des Zentralnervensystems
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Studie SIOP-LGG 2004
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