Spätfolgen der Chemo- und Strahlentherapie (Schädelbestrahlung)

Autor: Dipl.-Biol. Maria Yiallouros, Zuletzt geändert: 25.01.2016

Erhöhtes Risiko für Zweitkrebserkrankungen

Nach einer Chemotherapie ist das Risiko erhöht, zu einem späteren Zeitpunkt an einem zweiten bösartigen Tumor zu erkranken. Das gilt insbesondere dann, wenn zusätzlich eine Bestrahlung des Gehirns erfolgt. Eine zweite Krebserkrankung, die nicht identisch ist mit der ersten, wird als „sekundäre maligne Neoplasie“ (SMN) bezeichnet.

Die häufigsten Zweitkrebserkrankungen nach einer ALL sind akute myeloische Leukämien (AML) und Tumoren des Zentralnervensystems, seltener Lymphome und Schilddrüsenkrebs. ZNS-Tumoren (vor allem Astrozytome) und Schilddrüsenkrebs kommen fast ausschließlich bei Patienten vor, die im Rahmen der ALL-Behandlung eine Schädelbestrahlung erhalten haben [KAA2009] [KLE2003a].

Zweittumoren können bereits innerhalb des ersten Jahres nach Diagnosestellung auftreten, aber auch erst nach über 20 Jahren. Ersten Analysen zufolge treten bei etwa 3 % aller ALL-Patienten Zweittumoren in den ersten 15 Jahren nach ALL-Diagnosestellung auf. Die durchschnittliche Zeitspanne zwischen einer Ersterkrankung wie der ALL und einer zweiten Krebserkrankung liegt bei etwa 6 Jahren, wobei Leukämien und Lymphome im Durchschnitt früher, solide Tumoren dagegen später auftreten.

Bei Patienten, die eine Schädelbestrahlung erhalten haben, ist die Häufigkeit von Zweittumoren größer (3,5 %) als bei Patienten ohne Strahlentherapie (1,2 %) [KAA2009] [LOE2000].

Wichtig: Um möglicherweise sich entwickelnde Zweitkrebserkrankungen schnellstmöglich festzustellen zu können, wird die Einhaltung regelmäßiger Nachsorgeuntersuchungen über viele Jahre nach Therapieabschluss dringend empfohlen.

Beeinträchtigung der Fruchtbarkeit

Die meisten Zytostatika, die bei der Behandlung einer ALL eingesetzt werden, haben eine schädigende Wirkung auf Spermien und Eizellen. Eine Standard-Chemotherapie (nicht Stammzelltransplantation) hat jedoch selten langfristige Auswirkungen auf die Fortpflanzungsfähigkeit. Nichtsdestotrotz kann es bei manchen Patienten Monate, manchmal auch Jahre dauern, bis die Keimdrüsen der Fortpflanzungsorgane nach Abschluss der Behandlung wieder ihre normale Funktion aufnehmen.

Generell sind die Keimzellen) von Jungen gefährdeter als die von Mädchen. Dies hängt damit zusammen, dass bei Mädchen bereits bei Geburt alle Eizellen vorhanden sind und sich nicht mehr teilen, während bei Jungen die Spermien mit Eintritt der Pubertät) ständig neu produziert werden und dadurch empfindlicher auf äußere Einflüsse reagieren.

Prinzipiell scheinen Chemo- wie auch Strahlentherapie vor Eintritt der Pubertät weniger schädigend zu sein als nach Eintritt der Pubertät. Letztlich lässt sich jedoch im Einzelfall keine Vorhersage treffen, ob ein Patient unfruchtbar wird oder nicht.

Gut zu wissen:

Für Jungen nach Eintritt der Pubertät besteht unter Umständen vor Therapiebeginn die Möglichkeit, Spermien zu sammeln und einzufrieren (so genannte Kryokonservierung). Der behandelnde Arzt kann Sie über die vor Ort verfügbaren Möglichkeiten informieren. Häufig lässt allerdings die Notwendigkeit eines raschen Therapiebeginns keine Zeit für entsprechende Maßnahmen.

Für weibliche Patienten im fortpflanzungsfähigen Alter haben sich zwar in den letzten Jahren ebenfalls neue Möglichkeiten eröffnet, die Fruchtbarkeit zu erhalten beziehungsweise Schwangerschaften nach Abschluss einer Chemo- oder Strahlentherapie herbeizuführen. Die meisten dieser Methoden befinden sich derzeit allerdings noch in der Entwicklung und müssen deshalb noch als experimentell angesehen werden.

Für Kinder vor Eintritt der Pubertät stehen zurzeit generell noch keine geeigneten Maßnahmen zur Erhaltung der Fruchtbarkeit zur Verfügung [HEL2005].

Weitere Informationen zu Möglichkeiten der Fruchtbarkeitserhaltung bei Leukämiepatienten finden Sie im Informationsportal des Kompetenznetzes Leukämien (siehe hier). Informationen und Kontaktadressen bietet unter anderem auch FertiPROTECT, das Deutsche Netzwerk für fertilitätsprotektive Maßnahmen bei Chemo- und Strahlentherapie.

Weitere mögliche Spätfolgen

  • Als Spätfolge bestimmter hoch dosierter Zytostatika (zum Beispiel Doxorubicin, Daunorubicin oder Cyclophosphamid) können verschiedene Störungen der Herzfunktion resultieren. Auch eine Beeinträchtigung der Nieren- und Leberfunktion ist möglich.
  • Manche Krebsmedikamente (zum Beispiel Prednison und Dexamethason) können durch eine knochenzerstörende Wirkung (aseptische Knochennekrose) zu Gelenkfunktionsstörungen führen, die mit Bewegungseinschränkungen und Schmerzen verbunden sein können.
  • Durch die Schädelbestrahlung kann gelegentlich die Produktion des Wachstumshormons sowie anderer Hormone der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) eingeschränkt sein. Zu letzteren gehören auch Hormone, die die Bildung der Sexualhormone steuern. Daraus können Wachstums- und Entwicklungsstörungen resultieren, die sich unter anderem in einer verzögerten oder ausbleibenden Pubertät bemerkbar machen. Ist die Behandlung vor oder zu Beginn der Pubertät erfolgt, achten die behandelnden Ärzte im Rahmen regelmäßiger Nachsorgeuntersuchungen besonders auf den rechtzeitigen und ungestörten Eintritt der Geschlechtsreife, um die betroffenen Kinder bei Bedarf mit Hormonen behandeln zu können.
  • Die Bestrahlung des Kopfes kann auch intellektuelle Leistungen wie Konzentration und Aufmerksamkeit, Merk- und Lernfähigkeit beeinträchtigen. Im Alltagsleben sind jedoch die meisten Patienten in der Lage, durch individuelle Kompensationsmechanismen und gezielte Förderung eine für sie gute Lebens- und Leistungsqualität zu erreichen [CAL2003] [LAN2002c].
  • Bestrahlungen im Hals- und Gesichtsbereich können eine Schilddrüsenfunktionsstörung auslösen.