Spendersuche (HLA-Typisierung)

Autor: Dr. med. Gesche Tallen, Dr. med. Jörn Kühl, erstellt am: 15.01.2010, Redaktion: Maria Yiallouros, Zuletzt geändert: 16.09.2013

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Ein anderer Mensch hat andere Eigenschaften, darunter auch andere Gewebemerkmale auf seinen weißen Blutkörperchen (Leukozyten), es sei denn, es handelt sich um einen eineiigen Zwilling. Wie wir wissen, kann fremdes Gewebe oder ein fremdes Organ (zum Beispiel eine Niere) durch das körpereigene Abwehrsystem des Empfängers abgestoßen werden (Wirt-gegen-Transplantat-Reaktion). Umgekehrt kann das Transplantat (hier die Stammzellen) eines Spenders auch die Körperzellen des Empfängers als "fremd" erkennen und dagegen reagieren (Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion).

Um solchen Abstoßungsreaktionen vorzubeugen, wäre der optimal "passende" Spender für eine allogene Stammzelltransplantation also die Person, deren Leukozytenmerkmale oder "HLA-Merkmale"mit denen des Patienten absolut identisch sind (HLA ist die englische Abkürzung für "human leukocyte antigen"; deutsch: menschliche Leukozytenantigene).

Hinweis: Es gibt allerdings auch Situationen, in denen eine gewisse Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion erwünscht ist, weil diese sich auch gegen im Körper verbliebene Krebszellen richtet. Das gilt zum Beispiel für akute Leukämien. Um diese Transplantat-gegen-Leukämie-Reaktion zu nutzen, dürfen die HLA-Merkmale des Spenders nicht völlig mit denen des Empfängers identisch sein. Dies wäre allerdings nur bei einem Zwilling der Fall (mehr dazu im Anschluss).

Familienspender

Im Idealfall ist der Spender – mit Ausnahme der oben beschriebenen Situation – also ein eineiiger Zwilling, der die gleichen Gene und somit auch die gleichen Gewebemerkmale wie der Patient aufweist (siehe auch Abschnitt zur syngenen Transplantation). Aufgrund der Seltenheit (Häufigkeit 1:89) spielen HLA-identische Zwillinge als Stammzellspender jedoch eine untergeordnete Rolle.

Da aber die HLA-Merkmale je zur Hälfte von beiden Eltern vererbt werden, besteht auch bei jedem anderen Geschwister eine 25-prozentige Chance, dass es mit dem Patienten in den HLA-Merkmalen übereinstimmt, das heißt HLA-identisch ist.

Die Wahrscheinlichkeit, im weiteren Familienkreis passende Spender zu finden, ist hingegen gering (unter 10 %). In der Regel finden sich dort dann nur Spender, die lediglich teilweise übereinstimmen, also nicht HLA-identisch (HLA-different) sind. Aus diesem Grund ziehen es die meisten Transplantationszentren inzwischen vor, bei Fehlen eines passenden Geschwister-Spenders nach einem gut passenden unverwandten Spender zu suchen (siehe unten). Stammzelltransplantationen mit HLA-differenten verwandten Spendern sind im Allgemeinen experimenteller Natur und werden nur unter ganz bestimmten Umständen in Betracht gezogen.

Ein Sonderfall ist die so genannte HLA-haploidentische Stammzelltransplantation, bei der in der Regel ein Elternteil als Spender fungiert. "Haplo" bedeutet „halb“, das heißt, dass bei dieser Form der Transplantation genau 50 % der HLA-Merkmale übereinstimmen. Die haploidentische Stammzelltransplantation kann dann in Frage kommen, wenn weder ein HLA-identischer Geschwisterspender noch ein passender Fremdspender vorhanden ist, jedoch eine Transplantation zur Behandlung der Erkrankung unbedingt erforderlich ist. Nicht in allen Kliniken werden haploidentische Stammzelltransplantationen durchgeführt.

Gut zu wissen: Ein passender Spender aus der Familie wird auch als "Matched-Related Donor" (kurz: MRD) bezeichnet. Handelt es sich dabei um ein Geschwister, spricht man auch von "Matched-Sibling Donor" (kurz: MSD). Ein nur teilweise passender Familienspender wird "Mismatched-Related Donor“ (MMRD) genannt. Dies wäre zum Beispiel ein haploidentischer Elternteil als Spender. Ein passender Spender, der nicht aus der Familie kommt (so genannter Fremdspender), wird als Matched-Unrelated Donor (MUD) bezeichnet (siehe unten).

Fremdspender

Wenn kein passender verwandter Spender im Familienkreis zu finden ist, wird das Transplantationsteam Ihres Kindes in nationalen und internationalen Spenderdatenbanken nach nicht verwandten, freiwilligen Spendern ("Fremdspendern") mit weitgehend identischen Gewebemerkmalen suchen. Da der nicht verwandte Spender nie komplett "identisch" sein kann, spricht man in diesem Zusammenhang von HLA-verträglich oder HLA-kompatibel (auch Matched-Unrelated Donor, kurz: MUD).

Die Chance, auf diese Weise einen geeigneten Spender zu finden, liegt heute bei 80 bis 90 %, da weltweit mehrere Millionen freiwillige Spender registriert sind und monatlich Tausende hinzukommen. Für etwa drei von vier Patienten lässt sich innerhalb von durchschnittlich drei Monaten ein HLA-kompatibler Fremdspender identifizieren.

Die Fremdspendersuche, der eventuell notwendige Transport des Transplantats, die Koordination des zeitlichen Ablaufs der Stammzellgewinnung mit dem Transplantationsteam des Empfängers bis hin zur Durchführung der Transplantation ist eine verantwortungsvolle und zeitaufwändige Tätigkeit, die in ihrem Ablauf mit dem "Countdown" eines Raketenstarts zu vergleichen ist. In den meisten Transplantationszentren ist damit ein professioneller Transplantations-Koordinator in Zusammenarbeit mit der so genannten Fremdspendersucheinheit beauftragt.

Wie sind die Prioritäten bei der Spendersuche?

1. Wahl: HLA-identische Geschwister
2. Wahl: HLA-identische Fremdspender
3. Wahl: teilweise passender Familienspender (z.B. haploidentische SZT)

Gut zu wissen: Die Transplantationsergebnisse sind, wenn ein passender Fremdspender gefunden wird, heute vergleichbar mit den Ergebnissen, die mit einem passenden Geschwisterspender erzielt werden. Eine nicht HLA-kompatible (HLA-differente) Stammzelltransplantation hingegen ist immer mit höheren Risiken verbunden, unabhängig davon, ob es sich um einen verwandten oder unverwandten Spender handelt. Aus diesem Grund wird eine HLA-differente Transplantation nicht bei allen Erkrankungen beziehungsweise Krankheitsstadien durchgeführt, bei denen eine allogene Stammzelltransplantation im Prinzip sinnvoll wäre.

HLA-Typisierung

Die Bestimmung der individuellen Leukozytenmerkmale HLA-Merkmale nennt man HLA-Typisierung. Hierzu wird im Labor nach einer Blutentnahme von Spender und Empfänger das Muster der einzelnen Leukozyten-Antigene an verschiedenen Stellen auf der Oberfläche der weißen Blutzellen untersucht. In manchen Fällen überprüft man zusätzlich, ob sich die Leukozyten von Spender und Empfänger "vertragen".

Dazu werden die Blutproben im Labor miteinander vermischt und anschließend das Verhalten der weißen Blutzellen beobachtet (gemischte Lymphozytenkulturen). Eine noch spezifischere Methode ist die so genannte DNA-Typisierung, bei der nach Übereinstimmungen beziehungsweise Unterschieden des Erbmaterials von Empfänger und Spender gesucht wird.