Störungen des Knochenstoffwechsels

Autor: PD Dr. med. Gesche Tallen, erstellt am: 11.03.2016, Redaktion: Maria Yiallouros, Zuletzt geändert: 11.05.2016

Voraussetzung für die Knochengesundheit ist ein gesundes Gleichgewicht zwischen Knochenaufbau und Knochenabbau. Um ein solches Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, müssen bestimmte Hormone (zum Beispiel Wachstumshormon, Geschlechts- und Schilddrüsenhormone), Wachstumsfaktoren, Vitamin D und Mineralien (wie Calcium und Phosphat) dem Organismus in ausreichenden Mengen zur Verfügung stehen.

Durch einen ZNS-Tumor und seine Behandlung kann dieses Gleichgewicht gestört werden. In der Folge kann es langfristig zu Schäden des Skelettsystems kommen. Dazu gehören insbesondere:

  • gestörte Skelettentwicklung,
  • verminderte Knochendichte (Osteopenie)
  • Knochenschwund (Osteoporose) und erhöhtes Risiko für Knochenbrüche
  • Knochenschmerzen
  • verzögerte Knochenheilung nach Brüchen
  • Wirbelsäulenverkrümmungen (Skoliose, Kyphose)
  • Fehlstellungen von Extremitäten (Armen, Beinen)
  • Bewegungsstörungen (siehe Kapitel „Bewegungstörungen)

Risikofaktoren

Ein erhöhtes Risiko für Störungen des Knochenstoffwechsels haben ehemalige Patienten

  • nach Behandlung mit hohen Dosen an Glukokortikoiden (wie Kortison): Denn Glukokortikoide können das Gleichgewicht zwischen Knochenauf- und -abbau sowie einen verstärkten Calciumverlust über die Niere verursachen und die Aktivität bestimmter Wachstumsfaktoren hemmen.
  • nach Chemotherapie mit hohen Dosen an Alkylantien wie Ifosfamid und Cyclophosphamid: Denn diese schädigen a) die Nierenzellen: In der Folge kommt es zu einer vermehrten Phosphatausscheidung über die Niere und einem so genannten renalen Salzverlustsyndrom (renales Fanconi-Syndrom) mit O- oder X-Stellung der Beine, Muskelschwäche, Krampfanfällen; b) die Fortpflanzungsorgane: In der Folge entsteht durch Geschlechtshormonmangel eine eingeschränkte Knochenbildung.
  • nach Chemotherapie mit Methotrexat: Denn Methotrexat vermindert den Knochenaufbau und stimuliert stattdessen den Knochenabbau.
  • nach Bestrahlung im Bereich des Hypothalamus und / oder der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse)
  • nach Bestrahlung der Schilddrüse (zum Beispiel wenn hintere Schädelgrube oder Halswirbelsäule bestrahlt werden): Denn Schilddrüsenhormone sind wichtig für die Regulation der Skelett-Entwicklung.
  • nach Bestrahlung der Fortpflanzungsorgane (Eierstöcke, Hoden), zum Beispiel im Rahmen einer Bestrahlung der Lendenwirbelsäule: Denn eine Beeinträchtigung der Gonadenfunktion kann zu einer nicht altersgerechten Knochenmineralisation führen.

Anmerkung zur Chemotherapie: Ob (abgesehen von Alkylantien und Methotrexat) auch weitere, bei der Behandlung von ZNS-Tumoren eingesetzte Zytostatika (wie Cisplatin, Carboplatin, Vincristin, Etoposid) Störungen des Knochenstoffwechsels verursachen, wird derzeit noch evaluiert.

Wichtige Nachsorgeuntersuchungen

Ehemalige ZNS-Tumor-Patienten sollten die in den Behandlungsprotokollen empfohlenen Nachsorgetermine beim Hormonspezialisten unbedingt wahrnehmen, ganz besonders dann, wenn einer oder mehrere der oben erwähnten Risikofaktoren vorliegen. Dies ist wichtig, damit Störungen des Knochenstoffwechsels frühzeitig erkannt werden.

Bei diesen Nachsorgeterminen können eventuell bestehende Beschwerden – beispielsweise Rückenschmerzen, Schmerzen beim Gehen oder Knochenschmerzen (zum Beispiel im Bereich der Knie-, Hüft- oder Schultergelenke) – vorgebracht und fachgerecht interpretiert werden.

Die Nachsorgeuntersuchungen dienen auch der Feststellung von krankhaften Wirbelsäulenveränderungen, fortschreitenden Fehlstellungen der Beine und anderen Hinweise auf eine Störung der Skelettentwicklung.

Je nach Untersuchungsergebnis können anschließend weiterführende Untersuchungen (zum Beispiel Blutuntersuchungen und Urinuntersuchungen von Parametern des Knochenstoffwechsels sowie Röntgenuntersuchungen) und gezielte Behandlungen eingeleitet werden.

Wichtig zu wissen: Alle ehemaligen Patienten, die eine Schädelbestrahlung mit mehr als 18 Gray erhalten haben, sollten mindestens bis zum Abschluss ihrer Pubertätsentwicklung die empfohlenen Termine zu den Hormontestungen wahrnehmen. Sollte eine Therapie mit Wachstums- und/oder Schilddrüsenhormon aufgrund von Wachstumsstörungen beziehungsweise einer Schilddrüsenunter-/überfunktion angezeigt sein, wirken sich diese Behandlungen gleichzeitig auch günstig auf den Knochenstoffwechsel aus.

Förderung / Behandlung bei Störungen des Knochenstoffwechsels

Zur Vorbeugung und Behandlung von Störungen des Knochenstoffwechsels sollten ehemalige Patienten, die gleichzeitig auch an einer Schilddrüsenunterfunktion und / oder an einem Geschlechtshormonmangel leiden, eine Hormontherapie erhalten, bei der das jeweils fehlenden Hormon ersetzt wird (so genannte Hormonersatztherapie). Weitere Informationen hierzu finden Sie in den Kapiteln „Störungen der Schilddrüsenfunktion“ beziehungsweise „Störungen von Pubertätsentwicklung und Fruchtbarkeit“.

Bei schwerer Osteoporose mit häufigen Knochenbrüchen können außerdem eine Behandlung mit Biphosphonaten [siehe auch Biphosphonat-Therapie], eine gezielte Physiotherapie und auch die Einnahme von Calcium- und Vitamin D-Präparaten helfen.

Ehemalige Patienten, die nach einer Chemotherapie mit Alkylantien an einem Salzverlust über die Niere leiden (renales Salzverlustsyndrom), sollten – vom Hormonspezialisten gemäß der aktuellen Richtlinien veranlasst und überwacht – Vitamin D, Phosphat und eventuell auch andere Mineralien einnehmen.

Nicht zuletzt können die Betroffenen auch selbst entscheidend zu ihrer Knochengesundheit beitragen, indem sie regelmäßig und ausreichend körperlich aktiv sind.

Neben tumor- beziehungsweise behandlungsbedingtem Wachstumshormon-, Schilddrüsenhormon und Geschlechtshormonmangel sowie einem Salzverlust durch Ausscheidungsstörungen in der Niere kann die Knochengesundheit zusätzlich beeinträchtigt sein, wenn die Krebsbehandlungen auch die Nebenschilddrüsen angegriffen haben (siehe hierzu Kapitel „Störungen der Nebenschilddrüsen“).

Literatur

  1. Denzer C: Endokrinologische Nachsorge nach onkologischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter - Evidenzbasierte Leitlinie (S3) der Deutschen Gesellschaft für Kinderendokrinologie und -diabetologie e. V. (DGKED), der Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie e. V. (GPOH) und der beteiligten medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften. AWMF online 2014 [URI: http://www.awmf.org/ uploads/ tx_szleitlinien/ 025-030l_S3_Endokrinologische_Nachsorge_nach_onkologischen_Erkrankungen_Kindes_Jugendalter_2014_03.pdf]