Störungen der Schilddrüsenfunktion

Autor: PD Dr. med. Gesche Tallen, erstellt am: 14.03.2016, Redaktion: Maria Yiallouros, Zuletzt geändert: 12.05.2016

Bestrahlungen des Schädels und der Halswirbelsäule können kurz- oder langfristig zu einer Schilddrüsenfunktionsstörung führen.

Ein erhöhtes Risiko für Störungen der Schilddrüsenfunktion besteht nach einer Schädelbestrahlung, bei der der Hypothalamus und die Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) im Strahlenfeld liegen. Die Folge kann eine verminderte Aktivität von Hormonen sein, die im Hypothalamus beziehungsweise in der Hirnanhangsdrüse gebildet werden (zum Beispiel Thyreoidea-stimulierendes Hormon, TSH) und die Schilddrüse zur Bildung von Schilddrüsenhormonen [Thyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3)] veranlassen.

Dadurch kann es, ebenso wie nach einer direkter Strahlenschädigung der Schilddrüse, zu einer verminderten Schilddrüsenhormonproduktion, also einer Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose), kommen. Je nachdem, auf welcher Ebene die Störung vorliegt (Schilddrüse oder Drüsen im Gehirn), sprechen Fachleute von einer primären beziehungsweise sekundären (oder zentralen) Hypothyreose.

Im Vergleich zur Hypothyreose tritt eine Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) nach Bestrahlung der Schilddrüsenregion bei den ehemaligen Patienten insgesamt zwar selten auf, jedoch häufiger als in der Normalbevölkerung.

Gut zu wissen: Bei Kindern und Jugendlichen mit ZNS-Tumoren, die eine alleinige Chemotherapie (das heißt, keine Strahlentherapie) erhalten, sind bisher – mit den derzeit eingesetzten Zytostatika – keine Störungen der Schilddrüsenfunktion beschrieben worden.

Beschwerden bei Schilddrüsenunterfunktion

Folgende Beschwerden können bei einer Hypothyreose auftreten:

  • Müdigkeit, Antriebslosigkeit
  • depressive Verstimmungen
  • Kälteempfindlichkeit
  • erhöhte Blutfettwerte
  • Gewichtszunahme
  • Verdauungsstörungen (Obstipation)
  • trockene Haut
  • Haarausfall

Wichtige Nachsorgeuntersuchungen

Eine Unterfunktion der Schilddrüse (Hypothyreose) ist für den nachsorgenden Arzt anhand der häufig vorgetragenen Beschwerden und körperlichen Untersuchungen allein nicht eindeutig zu erkennen, denn die gesundheitlichen Probleme sind unspezifisch (siehe oben). Das bedeutet, sie können auch mit anderen Spätfolgen der Krebserkrankung-/therapie beziehungsweise anderen Erkrankungen zusammenhängen.

Eine Hypothyreose ist daher grundsätzlich nur durch ganz bestimmte Konstellationen der verschiedenen beteiligten Hormone im Blut (zum Beispiel von Thyreoidea-stimulierendem Hormon (TSH) und den Schilddrüsenhormonen T3 und T4) nachweisbar.

Wichtig: Damit Störungen der Schilddrüsenfunktion frühzeitig erkannt werden, ist es wichtig, dass ehemalige Patienten nach einer Schädel- und/oder Halswirbelsäulenbestrahlung die empfohlenen Termine zu den Hormontestungen wahrnehmen. In den ersten zehn Jahren nach Therapieende sollte einmal pro Jahr, im Anschluss daran mindestens alle zwei Jahre eine Nachsorgeuntersuchung erfolgen.

Im Rahmen dieser Untersuchungen werden Blutproben entnommen und anschließenden gezielt zur weiteren Abklärung ausgewertet. Ohne Hormontestung, also allein aufgrund von gesundheitlichen Beschwerden, sollte eine Schilddrüsenhormontherapie (siehe unten) nicht begonnen werden.

Förderung / Behandlung bei Störungen der Schilddrüsenfunktion

Wenn bei einem ehemaligen Patienten nach einer Strahlentherapie anhand der Hormonwerte im Blut eine Schilddrüsenunterfunktion feststellbar ist, wird der Hormonspezialist eine Behandlung mit Schilddrüsenhormon (L-Thyroxin) empfehlen.

Dieser Experte sollte auch weiterhin derjenige unter den nachsorgende Ärzten sein, der den Verlauf der Hormonstörung sowie die Verträglichkeit und Wirksamkeit einer solchen Hormonersatzbehandlung überwacht. Die Blutspiegel der Schilddrüsenhormone beziehungsweise die erforderliche Dosis sollte anfangs nach drei Monaten, später in mindestens sechs bis zwölfmonatigen Abständen überprüft werden.

Gut zu wissen: In manchen Situationen, zum Beispiel in der Schwangerschaft, ist der Bedarf an Schilddrüsenhormon erhöht. In der Regel muss dann eine Dosiserhöhung von L-Thyroxin durch den Hormonspezialisten erfolgen.

Weitere Informationen

Eine Bestrahlung im Halsbereich kann – abgesehen von Funktionsstörungen der Schilddrüse – langfristig auch das Risiko für gut- und bösartige Schilddrüsentumoren erhöhen. Aus diesem Grund sollten alle Patienten mit einer Bestrahlung der Schilddrüsenregion eine Langzeitnachsorge erhalten, die in regelmäßigen Abständen (mindestens alle zwei Jahre) auch eine Ultraschalluntersuchung der Schilddrüse beinhaltet.

Da die Entwicklung von bösartigen Schilddrüsentumoren mit zunehmender Dauer nach Therapieende zunimmt, ist eine Nachsorge über mindestens 20 bis 30 Jahre empfehlenswert (siehe auch Kapitel "Zweitkrebserkrankungen").

Literatur

  1. Denzer C: Endokrinologische Nachsorge nach onkologischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter - Evidenzbasierte Leitlinie (S3) der Deutschen Gesellschaft für Kinderendokrinologie und -diabetologie e. V. (DGKED), der Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie e. V. (GPOH) und der beteiligten medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften. AWMF online 2014 [URI: http://www.awmf.org/ uploads/ tx_szleitlinien/ 025-030l_S3_Endokrinologische_Nachsorge_nach_onkologischen_Erkrankungen_Kindes_Jugendalter_2014_03.pdf]
  2. Bölling T, Geisenheiser A, Pape H, Martini C, Rübe C, Timmermann B, Fischedick K, Kortmann RD, Gerss J, Koch R, Willich N: Hypothyroidism after head-and-neck radiotherapy in children and adolescents: preliminary results of the Registry for the Evaluation of Side Effects After Radiotherapy in Childhood and Adolescence" (RiSK). International journal of radiation oncology, biology, physics 2011, 81:e787 [PMID: 21167655]