Wachstumsstörungen

Autor: PD Dr. med. Gesche Tallen, erstellt am: 10.03.2016, Redaktion: Maria Yiallouros, Zuletzt geändert: 12.05.2016

Je jünger ein ehemaliger Patient zum Zeitpunkt der Erkrankung beziehungsweise Behandlung war, desto häufiger kommt es später zu Wachstumsstörungen.

Mehrere tumor- und behandlungsbedingte Hormonstörungen (zum Beispiel Wachstumshormonmangel, Schilddrüsenunterfunktion oder Störungen der Pubertätsentwicklung) können später das Größenwachstum einschränken [DEN2014]. Das gilt auch für bestimmte therapiebedingte Komplikationen wie Infektionen oder chronische Nebenwirkungen der intensiven Behandlung (etwa Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Gewichtsabnahme).

Risikofaktoren

Eine Schädelbestrahlung kann einen bleibenden Mangel an Wachstumshormon (engl. Growth Hormone) herbeiführen, welches unter anderem für das Längenwachstum des Körpers und für verschiedene Stoffwechselvorgänge verantwortlich ist.

Die Bestrahlung kann darüber hinaus, abhängig von Strahlendosis, Bestrahlungsfeld und Bestrahlungstechnik, die Produktion und Ausschüttung weiterer Hormone der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) beeinträchtigen, die ebenfalls für ein gesundes Körperwachstum benötigt werden. Zu diesen Hormonen gehören:

Eine Bestrahlung der Wirbelsäule kann außerdem durch direkte Schädigung der Wachstumsplatten der Wirbelkörper das Wirbelsäulenwachstum beeinträchtigen. In der Folge haben die Betroffenen später eine verminderte Sitzhöhe.

Auch eine Chemotherapie (zum Beispiel mit Cyclophosphamid), sowohl allein als auch ergänzend zur Strahlentherapie, kann sich negativ auf das Körperhöhenwachstum auswirken.

Ein erhöhtes Risiko für Wachstumsstörungen haben ehemalige Patienten:

  • mit einem ZNS-Tumor im Bereich des Hypothalamus und der Hypophyse (zum Beispiel Kraniopharyngeome, Sehbahn-Gliome und manche Keimzelltumoren)
  • mit einem ZNS-Tumor jenseits von Hypothalamus und Hypophyse nach Schädel- und / oder Wirbelsäulenbestrahlung mit Strahlendosen von mehr als 18 Gray

Das Risiko für die Entwicklung einer Wachstumsstörung ist somit entscheidend abhängig von der Lage eines ZNS-Tumors, den eingesetzten Behandlungen und dem Alter des Patienten zum Therapiezeitpunkt [DEN2014] [TAL2015].

Wichtige Nachsorgeuntersuchungen

Damit Wachstumsstörungen frühzeitig erkannt werden, sollten ehemalige Patienten, die eine Schädel- beziehungsweise Schädel- und Wirbelsäulenbestrahlung erhalten haben, die halbjährlichen Termine zur Messung der Körperhöhe und die jährlichen Termine zur Bestimmung der Sitzhöhe so lange wahrnehmen, bis sie ihre Endgröße erreicht haben.

Die Blutspiegel der Hormone, die das Körperwachstum beeinflussen (siehe oben), sollten regelmäßig untersucht werden, bei ehemaligen Patienten mit Tumor im Bereich von Hypothalamus und Hirnanhangsdrüse mindestens alle sechs Monate.

Wichtig zu wissen: Ehemalige Patienten, die zum Erkrankungs- / Behandlungszeitpunkt noch nicht in der Pubertät waren und die eine Schädelbestrahlung von mehr als 18 Gray erhalten haben, sollten bis zu einem Lebensalter von acht Jahren (Mädchen) beziehungsweise neun Jahren (Jungen) mindestens alle sechs Monate die Pubertätsentwicklung überprüfen lassen, damit eine verfrühte Pubertät (Pubertas praecox) rechtzeitig erkannt und behandelt werden kann [DEN2014].

Denn eine Pubertas praecox geht mit einer Wachstumsbeschleunigung einher und kann dadurch eine normale Wachstumsgeschwindigkeit vortäuschen, sprich, eine eventuell bestehende Wachstumsstörung verdecken (siehe auch Kapitel "Störungen von Pubertätsentwicklung und Fruchtbarkeit").

Förderung / Behandlung bei Wachstumsstörungen

Ein Mangel an körpereigenem Wachstumshormon kann durch die regelmäßige Einnahme von Wachstumshormontabletten ausgeglichen werden. Es hat sich gezeigt, dass diese Behandlung nicht nur die Endgröße bei vielen Betroffenen langfristig positiv beeinflusst, sondern auch deren Lebensqualität sowie den Fettstoffwechsel und die Knochendichte.

Junge ehemalige Patienten und jene, die eine Strahlentherapie der Wirbelsäule mit weniger als 20 Gray oder gar keine Strahlentherapie erhalten haben, profitieren besonders von dieser Behandlung.

Überlebende mit vorzeitigem Pubertätseintritt (siehe Kapitel "Störungen von Pubertätsentwicklung und Fruchtbarkeit") erreichen eine bessere Endgröße, wenn die Wachstumshormonbehandlung mit Substanzen kombiniert wird, welche die Geschlechtshormonproduktion zusätzlich regulieren.

Die Dosierung und Dauer der Einnahme von Hormonpräparaten muss vom Hormonspezialisten für jeden Betroffenen, basierend auf den Ergebnissen der Nachsorgeuntersuchungen und Hormontestungen, individuell festgelegt werden [DEN2014].

Gut zu wissen: Überlebende einer ZNS-Tumorerkrankung im Kindes- oder Jugendalter, die eine Behandlung mit Wachstumshormon erhalten, werden in Europa, Kanada und den USA registriert und regelmäßig untersucht. Bisher (Stand 2014) wurde für diese Patienten kein erhöhtes Krankheitsrückfall- oder Todesfallrisiko im Zusammenhang mit einer Wachstumshormontherapie dokumentiert. Außerdem besteht kein statistischer Zusammenhang zwischen dem Auftreten einer neuen Krebserkrankung und der eingenommenen Wachstumshormondosis oder der Dauer der Hormoneinnahme.