Neurokognitive Spätfolgen (wie Konzentrations-, Gedächtnis-, Aufmerksamkeitsstörungen)

Autor: PD Dr. med. Gesche Tallen, erstellt am: 11.02.2016, Redaktion: Maria Yiallouros, Zuletzt geändert: 11.05.2016

Ein ZNS-Tumor und seine Behandlung können zu einer Beeinträchtigung der geistigen Fähigkeiten (neurokognitive Leistungen) führen [CAL2004c] [CAL2003] [MON2011] [OTT2015] [PFI2013] [TAL2015].

Der Begriff Neurokognition fasst zusammen, wie die Informationen und Reize, die das Gehirn beziehungsweise das Zentralnervensystem erhält, verarbeitet werden.

Zu den neurokognitiven (oder kognitiven) Fähigkeiten des menschlichen Zentralnervensystems gehören zum Beispiel Hirnleistungen wie Aufmerksamkeit, Sprache, Zahlenverarbeitung, Orientierung, Erinnerungsvermögen, Vorstellungskraft, Kreativität, abstraktes Denken und Planen, Lernen, logisches Denken und Begründen, Analyse und Kontrolle des eigenen Erlebens sowie Verhaltens, Wollen und anderes mehr.

Risikofaktoren

Ein erhöhtes Risiko für neurokognitive Spätfolgen haben ehemalige Patienten:

  • die zum Zeitpunkt der ZNS-Tumordiagnose jünger als fünf Jahre alt waren,
  • mit Tumoren in der hinteren Schädelgrube [siehe hintere Schädelgrube],
  • nach Schädelbestrahlung (dosisabhängig, bereits ab Strahlendosen von 12 Gray),
  • nach Chemotherapie mit intravenös verabreichtem hochdosiertem Methotrexat,
  • nach intrathekaler Chemotherapie mit Methotrexat,
  • die an Schwerhörigkeit leiden (siehe hierzu auch Kapitel „Schwerhörigkeit) [TAL2015].

Beschwerden und Komplikationen

Neurokognitive / kognitive Beeinträchtigungen nach einem ZNS-Tumor betreffen insbesondere

  • Aufmerksamkeit
  • Gedächtnis
  • Denkvermögen
  • Lernen
  • Verhalten

Wichtige Nachsorgeuntersuchungen

Je nach Art des ZNS-Tumors beziehungsweise des Therapieprotokolls, nach dem der ehemalige Patient behandelt wurde, sind bis zu zehn Jahre nach Therapieende regelmäßige neuropsychologische Testungen vorgesehen [siehe Neuropsychologie]. Zum Teil werden diese auch im Rahmen von Begleitstudien vorgenommen. Nach Ablauf der ersten zehn Jahre werden entsprechende Nachsorgetermine je nach individueller Situation beziehungsweise nach individuellem Bedarf festgelegt.

Für die Testungen stehen standardisierte Prüfverfahren zur Verfügung, mit denen verschiedene Hirnleistungen erfasst werden. Dabei kann es sich sowohl um einfache Intelligenztests handeln als auch um sehr spezielle Tests, zum Beispiel zur Erfassung von Kurz- und Langzeitgedächtnis, von Feinmotorik, Sprachverständnis und Sprachvermögen, Aufmerksamkeit, visueller und akustischer Wahrnehmung, Zahlenverarbeitung, räumlicher Verarbeitung, Handlungsplanung, Selbstkontrolle, Impulsivität, Zeitgefühl und Lernen.

Wichtig: Alle ehemaligen ZNS-Tumorpatienten sollten die empfohlenen Termine zur neuropsychologischen Testung unbedingt wahrnehmen. Denn diese dienen der Früherkennung von kognitiven Störungen ebenso wie der Früherkennung von Problemen bei der Krankheitsverarbeitung, den damit verbundenen Störungen psychosozialer Beziehungen und deren Auswirkungen auf Verhalten, Emotionen und Alltagsbewältigung.

Darüber hinaus ermöglichen diese Testungen, den Verlauf solcher Störungen (zum Beispiel während einer neuropsychologischen Therapie) zu überwachen. Die Befunde können wiederum als Basis für Gutachten und gezielte Förderungen in Schule, Ausbildung und Beruf genutzt werden.

Förderung / Behandlung

Auf der Grundlage der Befunde aus den Testungen kann eine Förderung der Betroffenen durch Ergotherapie, Logopädie, Physiotherapie und Neuropsychologie veranlasst werden.

Solche unterstützenden Behandlungsmaßnahmen können bei ehemaligen Patienten, die noch im Kindes- oder Jugendalter sind, besonders dazu beitragen, Überforderungen abzuwenden, Rückstände aufzuholen, aktuelle Anforderungen zu bewältigen und dem Risiko einer nicht mehr regelhaften Reifung des Zentralnervensystems und daraus entstehenden weiteren Hirnleistungsstörungen vorzubeugen.

Je mehr sich Eltern und Schule am Erreichen dieser Behandlungsziele aktiv beteiligen, desto größer sind die Entwicklungschancen für den jungen ehemaligen Patienten.

Neuropsychologische Behandlung

Hauptziel insbesondere der neuropsychologischen Behandlungen ist bei mittlerweile erwachsenen ehemaligen Patienten die Verbesserung der Orientierung, der Krankheitseinsicht und des Gedächtnisses, denn diese kognitiven Funktionen sind für die berufliche und soziale Wiedereingliederung von entscheidender Bedeutung.

Dazu erhält der ehemalige Patient eine Art Training, das besonders abzielt auf:

  • die Wiedererlangung von neurokognitiven Leistungen (wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Denkvermögen, Lernen, Verhalten)
  • den Gebrauch von Hilfsmitteln (zum Beispiel Merkheft, Aufgabenpläne)
  • das Erlernen anderer Verhaltensstrategien zum Aktivitätsaufbau, zur Belastungserprobung, zur Verbesserung von kognitiven und sozialen Kompetenzen
  • Selbstständigkeit

Solch ein Training kann im Rahmen von Einzeltherapien oder auch Kleingruppen-Settings stattfinden.

Mehr zu den Tätigkeitsfeldern, Methoden und Zielen der Neuropsychologie finden Sie auf der Webseite der Gesellschaft für Neuropsychologie (GNP) e.V..