Polyneuropathie (Schmerzen, Kribbeln, Taubheitsgefühle)

Autor: PD Dr. med. Gesche Tallen, erstellt am: 11.02.2016, Redaktion: Maria Yiallouros, Zuletzt geändert: 10.05.2016

Unter einer Polyneuropathie versteht man Erkrankungen des peripheren Nervensystems [siehe peripheres Nervensystem], bei denen die Informationsvermittlung zwischen peripheren Nerven und Zentralnervensystem gestört ist.

Bestimmte Zytostatika, die bei Behandlungen von Kindern und Jugendlichen mit einem ZNS-Tumor eingesetzt werden, können periphere Nerven vorübergehend und manchmal auch dauerhaft schädigen. In der Folge entsteht eine Polyneuropathie, die – ursachenbedingt – auch als Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathie (CIPN) bezeichnet wird [QUA2002] [TAL2015].

Risikofaktoren

Ein erhöhtes Risiko für periphere Nervenschäden besteht:

  • nach Chemotherapie mit Cisplatin, Carboplatin, Vincristin und Vinblastin
  • bei ehemaligen Patienten, die zum Zeitpunkt der Chemotherapie bereits Jugendliche waren
  • bei hellhäutigen Patienten
  • bei ehemaligen Patienten mit vorbestehender Nervenerkrankung (zum Beispiel einer erblich bedingten Polyneuropathie)
  • bei ehemaligen Patienten mit Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus)
  • bei plötzlichem und schnellem Gewichtsverlust

Beschwerden und Komplikationen

Die Nervenschädigungen können zu folgenden gesundheitlichen Problemen führen:

  • Brennen, Taubheits- und Kribbelgefühle, besonders in Händen und Füßen
  • gesteigerte Temperatur- und Berührungsempfindlichkeit
  • plötzlich einschießende Schmerzen
  • Muskelschwäche und Bewegungsstörungen, meist der Hände und Füße, in der Folge Schwierigkeiten bei Alltagstätigkeiten (zum Beispiel Auf- und Zuknöpfen von Kleidung, Schuhe zubinden, Greifen, Schreiben, Laufen) (siehe auch Kapitel „Bewegungsstörungen“).

Wichtige Nachsorgeuntersuchungen

In den Therapieprotokollen sind bis zu zehn Jahre nach Therapieende regelmäßige körperliche und neurologische Untersuchungen vorgesehen, besonders engmaschig in den ersten fünf Jahren, anschließend im Halbjahres- bis Jahresabstand, je nach Art des ZNS-Tumors und der individuellen Situation des Patienten.

Nehmen Sie diese Kontrolluntersuchungen unbedingt wahr!
Denn diese ermöglichen dem Arzt, Zeichen einer Polyneuropathie festzustellen, gegebenenfalls weiterführende Untersuchungen (zum Beispiel Messungen der Nervenleitungsgeschwindigkeit) zu veranlassen und damit frühzeitig die richtigen Förderungsmaßnahmen einzuleiten.

Förderung / Behandlung

Eine Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathie (CIPN) kann heute noch nicht geheilt werden. Deshalb zielt die Behandlung darauf ab, die Beschwerden zu lindern und die Selbstständigkeit im Alltag zu fördern. Zu den Therapiemaßnahmen gehören beispielsweise:

  • Physiotherapie zur Verbesserung von Muskelkraft und Bewegung
  • Ergotherapie zur Verbesserung von feinmotorischen und anderen Fähigkeiten (zum Beispiel Grobmotorik, Koordination), die für die Alltagsbewältigung benötigt werden
  • Massagetherapie zur Linderung von Schmerzen
  • orthopädische Hilfen (Einlegesohlen, Orthesen) zur Verbesserung der Gehfähigkeit
  • medikamentöse und/oder physikalische/physiotherapeutische Schmerztherapie (letztere beinhaltet zum Beispiel Massage, Thermo- und Elektrotherapie)