Schwerhörigkeit

Autor: PD Dr. med. Gesche Tallen, erstellt am: 15.03.2016, Redaktion: Maria Yiallouros, Zuletzt geändert: 15.03.2016

Sowohl eine Chemotherapie mit bestimmten Medikamenten als auch eine Strahlentherapie des Gehirns können das Gehör schädigen. Wenn beide Therapieformen in Kombination eingesetzt werden, erhöht sich das Risiko einer Gehörschädigung.

In den meisten Fällen werden Strukturen im Innenohr geschädigt, die für das Hören im Hochtonbereich zuständig sind. Dadurch wird die Weiterleitung des Schalls gestört und es entsteht eine dauerhafte, meist beidseitige Hochtonschwerhörigkeit.

Risikofaktoren

Ein erhöhtes Risiko für eine Schwerhörigkeit besteht:

  • nach einer Schädelbestrahlung mit mehr als 30 Gray, besonders, wenn das Innenohr im Bestrahlungsfeld lag
  • nach einer Chemotherapie mit Cisplatin oder Carboplatin (insbesondere, wenn zusätzlich bestrahlt wurde)
  • bei Patienten, die zum Zeitpunkt der Krebstherapie jünger als fünf Jahre alt waren
  • bei einer hohen Lärmbelästigung vor, während und direkt nach der Therapie
  • wenn beim Patienten Nierenfunktionsstörungen vorliegen
  • bei Patienten, deren Gehör schon vor der Therapie beeinträchtigt war

Ehemalige Patienten, bei denen bereits in der ersten Therapiehälfte eine Hörminderung diagnostiziert wurde, haben ein hohes Risiko, dass diese fortschreitet und sie langfristig ein Hörgerät und weitere Kommunikationshilfen benötigen.

Beschwerden und Komplikationen

Die Schwerhörigkeit entwickelt sich schleichend und kann sich zum Beispiel äußern durch:

  • Ohrgeräusche (Tinnitus)
  • beeinträchtigtes Hören von Telefonklingeln oder Klingeln an der Haustür, Kinder- und Frauenstimmen, Konsonanten im Hochtonbereich (zum Beispiel "F", "S", "T", "H", "K"; dadurch scheint es oft, als würde der Gesprächspartner nuscheln)
  • regelmäßiges Lautstellen zum Beispiel von Fernsehen, Radio
  • Schwierigkeiten, sich auf Gespräche zu konzentrieren, besonders in einer lauten Umgebung
  • scheinbares Nicht-Zuhören

Infolge der Schwerhörigkeit kann es zu weiteren Störungen kommen, zum Beispiel zu:

  • Verstärkung von neurokognitiven Störungen (siehe Kapitel „Neurokognitive Spätfolgen“)
  • Störungen der Hör- und Sprachentwicklung
  • Lernstörungen
  • Störung der psychosozialen Entwicklung

Wichtige Nachsorgeuntersuchungen

Nach Abschluss der Krebstherapie sind die Gesprächstermine mit den nachsorgenden Ärzten und die Termine zur körperlichen Untersuchung besonders wichtig. Sie sollten, ebenso wie die im Behandlungsprotokoll empfohlenen Hörprüfungen, elektrophysiologischen Untersuchungen (akustisch evozierte Potentiale) und neuropsychologischen Testungen, unbedingt wahrgenommen werden (siehe unten).

Die Untersuchungen können zunächst unauffällig ausfallen. Jedoch machen sich die Schäden manchmal auch erst später bemerkbar. Deshalb sollten Eltern und andere Bezugspersonen (zum Beispiel Lehrer) besonders aufmerksam sein, denn gerade Kinder verbergen häufig den Hörverlust, beispielsweise durch Lippenlesen. Bei dem geringsten Verdacht auf eine Hörstörung sollte umgehend eine Hörprüfung erfolgen.

Weiterführende Informationen zu Nachsorgeempfehlungen und -untersuchungen erhalten Sie in unserem Text „Spätfolgen für das Gehör“.

Förderung / Behandlung

Gut zu wissen: Allgemeine Lärmminderung im Umfeld des Betroffenen hilft ihm dabei, sich besser auf Gespräche konzentrieren zu können und wirkt einem Fortschreiten der Schwerhörigkeit entgegen.

Für die Sprachentwicklung und psychosoziale Entwicklung sehr junger Betroffener kann manchmal auch eine Anbindung an eine Frühfördereinrichtung oder an ein Förderzentrum nötig sein.

Ist durch den Hörverlust besonders das Sprachverstehen beeinträchtigt, so ist ein Hörgerät angezeigt. Dieses macht Geräusche lauter. Allerdings hilft diese Versorgung oft nur teilweise, insbesondere, wenn die Betroffenen, beispielsweise Schulkinder oder Jugendliche in der Ausbildung, vermehrt Störgeräuschen ausgesetzt sind.

Der nachsorgende Arzt sollte dann einen so genannten Hörtrainer verordnen. Dabei handelt es sich um eine Signalübertragungsanlage ("Frequency Modulation, FM"-Anlage), durch die der Sprachschall des Sprechers über ein Mikrofon aufgenommen und per Funk (unter Vermeidung von Störschall und Nachhall) direkt auf das Hörgerät des Betroffenen übertragen wird.

Ein schwerhöriger Schüler, Student oder Auszubildender profitiert außerdem von einem akustisch günstigen Sitzplatz beziehungsweise von guter Raumakustik im Unterricht.

Ausführliche Informationen zu Hörstörungen als Spätfolge einer Krebserkrankung / -Therapie sowie deren Vorbeugung und Behandlung im Rahmen der Nachsorge erhalten Sie in unserem Text „Spätfolgen für das Gehör“.

Basisliteratur

  1. Schuster S, Beck JD, Calaminus G, am Zehnhoff-Dinnesen A, Langer T: Nachsorge von krebskranken Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen - Erkennen, Vermeiden und Behandeln von Spätfolgen. AWMF online 2013 [URI: https://www.awmf.org/ uploads/ tx_szleitlinien/ 025-003l_S1_Nachsorge_von_krebskranken_Kindern_Jugendlichen_06-2013-abgelaufen.pdf]
  2. Langer T, Am Zehnhoff-Dinnesen A, Radtke S, Meitert J, Zolk O: Understanding platinum-induced ototoxicity. Trends in pharmacological sciences 2013, 34: 458 [PMID: 23769626]
  3. Langer T, Meitert J, Dörr H-G, Beck J-D, Paulides M: Langzeitfolgen von onkologischen Erkrankungen bei Kindern - Erkennen, Vermeiden und Behandeln von Spätfolgen. Im Focus Onkologie 7-8, 2011 [URI: http://www.nachsorge-ist-vorsorge.de/ wp-content/ uploads/ 2013/ 06/ Erkennen-Vermeiden-und-Behandeln-von-Sp%C3%A4tfolgen.pdf]