Gewebeentnahme (Biopsie)

Autor: Maria Yiallouros, erstellt am: 23.03.2007, Zuletzt geändert: 22.08.2018

Um eine Therapie planen zu können, müssen die Art des Tumors und der Grad seiner Bösartigkeit bekannt sein. Aus diesem Grund muss meist eine Gewebeprobe entnommen werden (Biopsie).

Die Gewebeentnahme kann – je nach Lage des Tumors – durch eine offene Operation, zum Beispiel während der Tumorentfernung, oder durch eine stereotaktische Biopsie erfolgen. Letzteres spielt zum Beispiel bei tiefer liegenden Hirntumoren eine Rolle, die einer Operation nicht oder nur schwer zugänglich sind.

Die Diagnosesicherung erfolgt durch die spezielle Aufbereitung und Untersuchung des gewonnenen Tumormaterials unter dem Mikroskop. Mit Hilfe feingeweblicher (histologischer) und immunhistochemischer Untersuchungsverfahren [siehe Immunhistologie] ist es möglich, die genaue Art des Tumors und den Grad seiner Bösartigkeit (Malignität) zu bestimmen. Dabei ist vor allem die Unterscheidung zwischen schnell wachsenden, hochmalignen Gliomen (Grad III oder IV) und niedrigmalignen Gliomen (Grad I oder II) bedeutsam, da diese sich in ihrem Krankheitsverlauf und ihrer Therapierbarkeit voneinander unterscheiden und daher unterschiedlich behandelt werden müssen.

In neuester Zeit werden zusätzlich zu den histologischen und histochemischen auch molekulargenetische Untersuchungen der Tumorzellen vorgenommen und zum Teil bereits bei der Einteilung der Tumoren berücksichtigt (siehe Kapitel „Therapieplanung – Klassifikation“). Die Fachleute erwarten sich hiervon eine Vorhersage zum Ansprechen des Tumors auf die Behandlung sowie eine bessere Einschätzung der Lebenserwartung.

In der Tat hat sich gezeigt, dass bestimmte molekulare Veränderungen in den Tumorzellen mit einem besonders aggressiven Wachstumsverhalten und somit einer äußerst ungünstigen Prognose einhergehen, unabhängig davon, welchen WHO-Grad der Tumor aufgrund seines feingeweblichen Erscheinungsbildes hat. Dies gilt zum Beispiel für Gliome, deren Erbmaterial von einer so genannten Histon 3 K27M-Mutation betroffen sind. Eine derartige Mutation findet sich bei manchen Mittelliniengliomen (also Tumoren im Bereich von Thalamus, Hirnstamm oder Rückenmark), die nach der neuen WHO-Klassifikation unter der Bezeichnung „diffuse Mittelliniengliome Histon 3 K27M mutiert WHO-Grad IV (DMG)“ als eigenständige Gliom-Unterform geführt werden [LOU2016].

Gut zu wissen: Die meisten typischen diffusen intrinsischen Ponsgliome, die in der Regel mittels bildgebender Verfahren diagnostiziert werden, erweisen sich als "diffuse Mittelliniengliome Histon 3 K27M mutiert", wenn sie biopsiert und feingeweblich / molekulargenetisch untersucht werden.

Bei Patienten mit einem typischen diffusen intrinsischen Ponsgliom ist eine Biopsie zur Diagnosestellung nach wie vor nicht nicht erforderlich. Denn diese Tumoren stellen sich bereits im Rahmen einer Magnetresonanztomographie (MRT) mit sehr typischen Eigenschaften dar, so dass ein erfahrenes Behandlungsteam die Art des Tumors bereits auf dem Bild erkennen kann und oftmals auf das Risiko verzichtet, durch eine Operation (denn auch eine Biopsie ist ein operativer Eingriff) lebenswichtige Hirnstammbereiche zu verletzen.

Im Rahmen der neuen Therapieoptimierungsstudie HIT-HGG 2013 wird die Biopsie eines Ponsglioms trotzdem empfohlen, um die molekularen Eigenschaften dieser Tumoren besser zu erforschen. Die Ergebnisse aus solchen Untersuchungen können dazu beitragen, dass zu einem späteren Zeitpunkt der Studie Zusatzmedikamente eingeführt werden können, die sich ganz gezielt gegen bestimmte molekulare Zielstrukturen richten. Weitere Informationen zur HIT-HGG 2013-Studie finden Sie im Kapitel "Therapie – Therapiestudien".