Welche Spätfolgen durch Erkrankung und Behandlung gibt es und wie entstehen sie?

Autor: Maria Yiallouros, Dr. med. habil. Gesche Tallen, erstellt am: 23.03.2007, Redaktion: Maria Yiallouros, Zuletzt geändert: 23.04.2020

Dank der kontinuierlich optimierten diagnostischen Methoden und Behandlungskonzepte haben sich auch bei Patienten mit einem hochgradig malignen Gliom die Überlebenschancen in den letzten Jahren verbessert. Bei diesen Patienten gewinnen auch die Spätfolgen der Erkrankung und ihrer Behandlung an Gewicht.

So können bei überlebenden Kindern und Jugendlichen einerseits durch den Tumor, andererseits durch die Behandlung körperliche, geistige und seelische Störungen entstehen, die auch nach Beendigung der intensiven Behandlung noch langfristig fachgerechte Betreuung benötigen.

Die Lage und Ausdehnung des Tumors im Zentralnervensystem, sein Wachstumsverhalten und die Art und Intensität der Behandlung spielen bei der Entstehung von Langzeitfolgen (Spätfolgen) eine entscheidende Rolle: Je "ungünstiger" der Tumor sitzt und je intensiver und umfassender die Behandlung war, umso größer ist das Risiko, dass Langzeitwirkungen der Therapie das Wohlbefinden des Patienten (Überlebensqualität) später in der einen oder anderen Weise beeinträchtigen [CAL2008a] [CAL2007]. Besonders bei Kindern unter acht Jahren ist das noch nicht voll ausgereifte Gehirn sehr empfindlich gegenüber schädigenden Einflüssen sowohl des Tumors als auch der Behandlung. Deshalb sind bei ihnen Langzeitfolgen, wie zum Beispiel Störungen der geistigen Entwicklung, des Kurzzeitgedächtnisses und der Konzentration sowie der normalen Hormonbildung besonders häufig und ausgeprägt.

Zu den bleibenden Schäden gehören bei Patienten mit einem hochgradig malignen Gliom darüber hinaus vor allem Hörstörungen, die zur Notwendigkeit eines Hörgerätes führen können, Nierenschäden, die unter Umständen eine lebenslange Tabletteneinnahme erforderlich machen, und Unfruchtbarkeit. Durch die Therapie kann theoretisch im Grunde jedes Organ schwer geschädigt werden. Außerdem besteht das Risiko, einen Rückfall zu erleiden oder auch später an einer anderen Krebsart zu erkranken.

Körperliche wie geistige / psychische Einschränkungen oder Probleme können die persönlichen Beziehungen der Betroffenen und auch ihre Teilnahme am Schul-, Berufs- und Alltagsleben negativ beeinflussen. In der Folge sind beispielsweise die Rückkehr in das alte soziale Umfeld, das Erlangen und Beibehalten von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen, das Abschließen von Privat-, Zusatz- und Lebensversicherungen bei vielen ehemaligen Patienten aufgrund von Spätfolgen erschwert.

Tipps für einen guten Wiedereinstieg ins "normale Leben":
Nehmen Sie die Langzeitnachsorge wahr und informieren Sie sich über mögliche Spätfolgen!

Anmerkung: Die folgenden Informationen zu Spätfolgen nach Erkrankung an einem hochgradig malignen Gliom im Kindes- oder Jugendalter beziehen sich nicht direkt auf Patienten, die in Deutschland (zum Beispiel im Rahmen des Therapieprotokolls SIOP-HGG 2007) behandelt werden oder wurden. Die Fakten zu diesem Thema wurden vielmehr aus der aktuellen internationalen Literatur gesammelt.

Die internationalen Behandlungskonzepte unterscheiden sich jedoch voneinander, beispielsweise im Hinblick auf Dosierungen, Techniken und Kombinationen von Strahlen- und/oder Chemotherapie. Demnach handelt es sich im Folgenden eher um einen allgemeinen Überblick, der nicht auf jeden (ehemaligen) Patienten zutreffen mag. Spezielle Informationen zu Spätfolgen im Rahmen der Therapieprotokolle, wie sie derzeit in Deutschland bei den meisten Patienten Anwendung finden, werden aktuell evaluiert und zu einem späteren Zeitpunkt ergänzt.

Basisliteratur

  1. Tallen G, Resch A, Calaminus G, Wiener A, Leiss U, Pletschko T, Friedrich C, Langer T, Grabow D, Driever PH, Kortmann RD, Timmermann B, Pietsch T, Warmuth-Metz M, Bison B, Thomale UW, Krauss J, Mynarek M, von Hoff K, Ottensmeier H, Frühwald M, Kramm CM, Temming P, Müller HL, Witt O, Kordes U, Fleischhack G, Gnekow A, Rutkowski S, German Paediatric Brain Tumour Consortium (HIT-Network): Strategies to improve the quality of survival for childhood brain tumour survivors. European journal of paediatric neurology : EJPN : official journal of the European Paediatric Neurology Society 2015, 19: 619 [PMID: 26278499]
  2. Denzer C: Endokrinologische Nachsorge nach onkologischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter - Evidenzbasierte Leitlinie (S3) der Deutschen Gesellschaft für Kinderendokrinologie und -diabetologie e. V. (DGKED), der Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie e. V. (GPOH) und der beteiligten medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften. AWMF online 2014 [URI: http://www.awmf.org/ uploads/ tx_szleitlinien/ 025-030l_S3_Endokrinologische_Nachsorge_nach_onkologischen_Erkrankungen_Kindes_Jugendalter_2014_03.pdf]
  3. Schuster S, Beck JD, Calaminus G, am Zehnhoff-Dinnesen A, Langer T: Nachsorge von krebskranken Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen - Erkennen, Vermeiden und Behandeln von Spätfolgen. AWMF online 2013 [URI: https://www.awmf.org/ uploads/ tx_szleitlinien/ 025-003l_S1_Nachsorge_von_krebskranken_Kindern_Jugendlichen_06-2013-abgelaufen.pdf]
  4. Langer T, Meitert J, Dörr H-G, Beck J-D, Paulides M: Langzeitfolgen von onkologischen Erkrankungen bei Kindern - Erkennen, Vermeiden und Behandeln von Spätfolgen. Im Focus Onkologie 7-8, 2011 [URI: http://www.nachsorge-ist-vorsorge.de/ wp-content/ uploads/ 2013/ 06/ Erkennen-Vermeiden-und-Behandeln-von-Sp%C3%A4tfolgen.pdf]
  5. Langer T, Dörr H-G, Beck J-D: Spätfolgen der Erkrankung und Therapie. In: Gadner H, Gaedicke G, Niemeyer C, Ritter J, editors. Pädiatrische Hämatologie und Onkologie Berlin, Heidelberg, New York: Springer Verlag, 2006, 1085 [ISBN: 3540037020
  6. Langer T, Dörr HG, Bielack S, Jürgens H, Göbel U, Willich N and Beck JD: Spätfolgen in der Nachsorge von krebskranken Kindern und Jugendlichen. Der Onkologe 2005, 11: 1101 [DOI: 10.1007/s00761-005-0933-2]
  7. Langer T, Führer M, Stöhr W, Dörffel W, Dörr H, Bielack S, Rossi R, Kaatsch P, Beck J: Die Überlebenden einer Krebserkrankung im Kindesalter. Monatsschr Kinderheilkd 2002, 150: 942 [DOI: 10.1007/s00112-002-0524-x]