Cisplatin

Der folgende Text informiert über Anwendung, Wirkung und mögliche Nebenwirkungen des Cisplatin sowie darüber, welche Wechselwirkungen mit anderen Substanzen auftreten können und in welchen Fällen Cisplatin nicht oder nur eingeschränkt verabreicht werden darf.

Autor: Julia Dobke, Redaktion: Maria Yiallouros, Freigabe: Prof. Dr. med. U. Creutzig, Zuletzt geändert: 17.11.2017

Anwendung: Wie wird Cisplatin eingesetzt?

Cisplatin wird in Kombination mit weiteren gegen Krebs wirksamen Arzneimitteln bei der Behandlung von Tumoren verwendet. Es wird als Infusion in eine Vene‎ (intravenös, i.v.) verabreicht.

Wirkung: Wie wirkt Cisplatin?

Cisplatin gehört zur Substanzgruppe der Platinderivate aus der Reihe der Schwermetallkomplexe. Platinsubstanzen bilden mit der Erbsubstanz DNA Metallkomplexe und stören dadurch deren Struktur und Funktionsfähigkeit. Der Zellstoffwechsel kommt zum Erliegen und eine Zellteilung ist ebenfalls nicht mehr möglich. Da Platinsubstanzen auch die Reparaturmechanismen der Zelle hemmen, kann der Schaden nicht mehr behoben werden; die Zelle stirbt ab.

Nebenwirkungen: Welche Begleiterscheinungen können während oder nach der Behandlung mit Cisplatin auftreten?

Wir beschränken uns im Folgenden auf die Darstellung der sehr häufig bis häufig und gelegentlich auftretenden Nebenwirkungen. (Definition : Aufgetretene Fälle pro Anzahl der Behandelten)

Sehr häufig: mehr als 1 von 10; häufig: mehr als 1 von 100; gelegentlich: mehr als 1 von 1000; selten: mehr als 1 von 10 000; sehr selten: weniger als 1 von 10 000.

Dabei gehen wir organweise vor. Für mehr Informationen zu den selten bis sehr selten auftretenden Nebenwirkungen informieren Sie sich bitte in den Fach- und Gebrauchsinformationen des jeweiligen Herstellers.

Sehr häufige Nebenwirkungen

Knochenmark

Abhängig von der Medikamenten-Dosis können unterschiedlich schwere Grade von Knochenmarkschädigung (eine so genannte Knochenmarkdepression oder Myelosuppression) auftreten, die mit einem Abfall der Zahl weißer Blutkörperchen (Leukozytopenie) sowie einem Abfall der Zahl der Blutplättchen (Thrombozytopenie) und der roten Blutkörperchen (Anämie‎) einhergehen.

Häufig zu rechnen ist mit einem Abfall der Zahl der weißen Blutkörperchen mit oder ohne Fieber und infolgedessen mit der Gefahr von, zum Teil lebensbedrohlichen Infektion‎en. Ebenfalls häufig ist ein Abfall der Zahl der Blutplättchen und entsprechend die Gefahr eines erhöhte Blutungsrisikos.

Eine schwere Immunsuppression‎ kann zu schwerwiegenden Infektionen mit manchmal tödlichem Ausgang führen. Im schwersten Fall kann es zu einer Sepsis‎ und einem septischen Schock kommen.

Nieren

Cisplatin verursacht sehr häufig eine Nierenschädigung mit Beeinträchtigung der Nierenfunktion. Die Schwere der Funktionsstörung hängt von der Cisplatin-Dosis ab und nimmt bei Mehrfachgabe zu. In der Folge treten eine akute Einschränkung der Urinproduktion in den Nierenkörperchen und eine Erhöhung des Serum-Harnstoffs und des Serum-Kreatinins auf.

Cisplatin kann akute und chronische Nierenschädigungen auslösen. Diese Schädigungen sind nicht schmerzhaft und können nur durch Kontrolluntersuchungen des Blutes und des Urins ermittelt werden.

Eine akute Nierenschädigung ist gekennzeichnet durch eine Verschiebung der Elektrolyte im Blut, insbesondere einem Magnesiummangel, sowie einer akuten Einschränkung der Urinproduktion in den Nierenkörperchen. Die Nierenfunktionsstörungen können Tage oder zwei Wochen nach der ersten Cisplatin-Dosis auftreten. Akute Störungen bilden sich wieder zurück.

Bei einer chronischen Nierenschädigung ist die Kreatinin-Ausscheidung in den Urin dauerhaft eingeschränkt, das Kreatinin im Blutserum kann, muss aber nicht erhöht sein. Die Nierenfunktionsstörungen können sofort nach der ersten Infusion oder erst im Verlauf der Zeit auftreten.

Die Schwere der Schädigung der Nieren wird durch die Feststellung der glomerulären Filtrationsrate (GFR) gemessen. Diese Rate sagt aus, wieviel Urin die Nieren pro Zeiteinheit produzieren können. Je weniger Urin produziert wird, desto größer ist der Nierenschaden.

Das Risiko einer Schädigung der Nieren kann durch die intravenöse Infusion von Flüssigkeit und Elektrolyten vor, während und nach der Behandlung mit Cisplatin deutlich reduziert werden. Informationen zu Aufbau und Funktion der Nieren und möglichen therapiebedingten Schädigungen erhalten Sie hier.

Stoffwechsel

Sehr häufig kommt es im Blut zu einem erhöhten Harnsäuregehalt (Hyperurikämie), einem erhöhten Eisenspiegel und zu erhöhten Cholesterinwerten (Hypercholesterinämie).

Gehör

Eine durch Cisplatin verursachte Hörschädigung geht überwiegend mit einem Verlust der Wahrnehmung im Bereich hoher Töne (Frequenzen über 2000 Herz) einher, erfasst in circa 10-15 % der Fälle aber auch den normalen, tieferen Hörfrequenzbereich (kleiner 2000 Herz). Über Hörstörungen mit Ohrenklingen (Tinnitus) oder Hörverlust im hohen Frequenzbereich (größer 2000 Herz) wurde bei bis zu ca. 30 % der Patienten berichtet, die eine Einzeldosis von 50 mg Cisplatin/m² Körperoberfläche erhalten hatten.

Der Hörverlust kann ein- oder beidseitig auftreten, häufig werden auch Fälle von Taubheit sowie Schwindel als Folge der Schädigung des Gleichgewichtsorgans im Innenohr beobachtet.

Die Häufigkeit und der Schweregrad der Nebenwirkungen am Gehörorgan scheinen von der angehäuften (kumulativen) Gesamtdosis des Cisplatin, aber auch von der Höhe der verabreichten Einzeldosis und der Höhe des Cisplatinspiegels im Blutserum abhängig zu sein. Durch Cisplatin hervorgerufene Schädigungen des Gehörorgans können möglicherweise nicht rückgängig zu machen sein.

Aus diesem Grund muss während der Behandlung eine regelmäßige Messung der Hörfunktion (Audiometrie) erfolgen, um eine Hörstörung rechtzeitig zu erkennen. Im Fall eines beginnenden Hörverlustes sollte erwogen werden, Cisplatin gegen das Medikament Carboplatin auszutauschen, das eine weniger starke negative Wirkung (Toxizität) auf das Gehör ausübt. Mehr zu therapiebedingten Hörstörungen erfahren Sie hier.

Magen-Darmtrakt

Häufig kommt es schon kurz nach der Gabe von Cisplatin zu starker Übelkeit und Erbrechen, die über mehrere Tage bis zu einer Woche anhalten können. In der Folge kann es zu Flüssigkeitsmangel und Verlust von Elektrolyten kommen. Aus diesem Grund müssen eine vorbeugende effektive Therapie gegen Übelkeit, eventuell unter zusätzlicher Gabe von Beruhigungsmitteln, und eine ausreichende intravenöse Flüssigkeitszufuhr immer Bestandteil der Therapie sein.

Häufig und gelegentlich auftretende Nebenwirkungen

Nervensystem

Die Schädigung des Nervensystems (Neurotoxizität) stellt nach der Nierenschädigung die zweitwichtigste Form der chronischen Schädigung dar und kann zum Beispiel in Form von peripheren Polyneuropathien (Nervenschädigungen an Armen und Beinen), Hörverlust (siehe Gehör) und, seltener, Sehstörungen auftreten.

Schwere Schäden des Nervensystems sind vor allem bei Patienten aufgetreten, die Cisplatin in höherer Dosierung oder häufiger als empfohlen erhalten haben. Periphere Polyneuropathien werden vor allem nach längerer Cisplatin-Anwendung (Monate) beobachtet. Sie können aber auch nach einmaliger Anwendung auftreten.

Geschlechtsdrüsen / Fortpflanzungsfähigkeit (Fertilität)

Cisplatin hat Auswirkungen auf die Entwicklung der weiblichen und männlichen Keimzellen. Bei Mädchen und Frauen kann es zu Störungen der Eizellreifung und des Eisprungs, bei Jungen und Männern zur Störung der Samenreifung kommen.

In sehr seltenen Fällen kann Cisplatin bei beiden Geschlechtern zu einer Zeugungsunfähigkeit führen. Männlichen Jugendlichen, die mit Cisplatin behandelt werden, wird empfohlen, sich vor Therapiebeginn über eine Spermakonservierung beraten zu lassen. Weitere Informationen zu therapiebedingten Fruchtbarkeitsstörungen erhalten Sie hier.

Schwangerschaft / Stillzeit

Die Behandlung mit Cisplatin kann bei Frauen und Männern erbgutschädigend wirken. Während der Behandlung mit Cisplatin dürfen daher Frauen nicht schwanger werden und Männer keine Kinder zeugen. Tritt während der Behandlung dennoch eine Schwangerschaft ein, so ist die Möglichkeit einer genetischen Beratung zu nutzen.

Wenn die Behandlung einer Patientin mit Cisplatin während der ersten drei Monate einer Schwangerschaft lebensnotwendig ist, ist eine medizinische Beratung zum Schwangerschaftsabbruch zwingend erforderlich.

Nach den ersten drei Monaten der Schwangerschaft sollte, wenn eine Therapie dringend ist, nicht aufgeschoben werden kann und ein späterer Kinderwunsch besteht, eine Chemotherapie durchgeführt werden, jedoch erst nach vorheriger Aufklärung über das zwar geringe, aber nicht auszuschließende Risiko von Auffälligkeiten der Kinder.

Da Cisplatin in die Muttermilch übertritt, darf während der Behandlung nicht gestillt werden.

Herz-Kreislauf-System

Generell treten Nebenwirkungen am Herz-Kreislauf-System nach Cisplatingaben nur gelegentlich auf. In Kombination mit anderen Medikamenten (siehe Wechselwirkungen) kann es aber zu EKG-Veränderungen [siehe Elektrokardiographie] kommen, die Hinweise auf eine Schädigung des Herzmuskels geben können, insbesondere in Kombination mit anderen Zytostatika und unabhängig von Dosierung oder Therapiedauer.

Verdauungstrakt

Gelegentlich kommt es nach der Gabe von Cisplatin zu Schluckauf, Schleimhautentzündung des Darms (Mukositis), einer, zum Teil stärker ausgeprägten, Entzündung der Mundschleimhaut (Stomatitis) sowie zu Zahnfleischbluten und einer Erhöhung der Serumamylase (Enzym zum Abbau von Stärke).

Leber und Galle

Leberfunktionsstörungen kommen im Rahmen einer Standard-Chemotherapie mit Cisplatin eher selten vor. Sie äußern sich durch die Erhöhung von Leberwerten im Blut (Serum-Transaminasen, Bilirubin). Sie bilden sich von alleine zurück.

Zweittumoren (Zweitmalignome)

Wie bei allen Therapien mit Zytostatika besteht auch bei der Behandlung mit Cisplatin das Risiko, dass viele Jahre nach Beendigung der Therapie Zweitkrebserkrankungen oder Vorstufen davon als Spätfolge auftreten können. Mehr zu therapiebedingten Zweittumoren erfahren Sie hier.

Das Deutsche Kinderkrebsregister erfasst alle Zweiterkrankungen bei Kindern, die im Alter von unter 15 beziehungsweise 18 Jahren zum ersten Mal an Krebs erkrankt sind. Dort finden Sie auch nähere Informationen.

Wechselwirkungen: Mit welchen anderen Medikamenten / Substanzen kann Cisplatin interagieren?

Cisplatin kann mit anderen, im Rahmen der Therapie eingesetzten Substanzen in Wechselwirkung treten und unerwünschte Folgen haben, die bei der Behandlung entsprechend berücksichtigt werden müssen. Die wichtigsten Substanzen und ihre Wechselwirkungen mit Cisplatin sind im Folgenden aufgeführt. Die Erläuterung der Wechselwirkungen beschränkt sich auf Substanzen, die in der Kinderheilkunde angewendet werden können:

  • Aluminium: Cisplatin reagiert mit Aluminium. Hierdurch wird seine Wirkung gegen Krebszellen herabgesetzt. Cisplatin darf deshalb nicht mit aluminiumhaltigen Infusionsbestecken, Spritzen und Injektionsnadeln verabreicht werden.
  • Mesna:Cisplatin darf nicht in direkten Kontakt mit Mesna kommen (einem Medikament, das die Nieren vor Nebenwirkungen von Cyclophosphamid und Ifosphamid schützt). Deshalb müssen bei Behandlungsschemata, in denen Cisplatin, Cyclophosphamid oder Ifosphamid und Mesna kombiniert werden, Wechselwirkungen zwischen Cisplatin und Mesna vermieden werden, indem sie nicht gleichzeitig verabreicht werden.
  • Strahlentherapie: Bei der Kombination mit einer Strahlen- (Radio-)therapie ist mit einer Verstärkung der Knochenmarktoxizität zu rechnen.
  • Chelatbildner: Chelatbildner (zur Entfernung von Schwermetallen aus dem Körper) schwächen die Wirkung von Cisplatin und sollten nicht gleichzeitig angewendet werden.
  • Medikamente gegen Krampfanfälle (Antikonvulsiva): Wenn während der Cisplatinbehandlung Medikamente gegen Krampfanfälle (Epilepsie) eingesetzt werden, kann deren Plasmaspiegel in einen Bereich absinken, der keine Wirkung mehr gegen Krämpfe hat (eventuell Anpassung der Dosis nötig).
  • Medikamente zur Verbesserung der Urinsausscheidung (Schleifendiuretika): Die Gabe von Schleifendiuretika wie zum Beispiel Furosemid während der Behandlung mit Cisplatin erhöht das Risiko einer Schädigung von Nieren und Gehör. Alternativ sollte zum Beispiel das Diuretikum Mannit verabreicht werden, um die Urinausscheidung zu verbessern.

Gegenanzeigen: Wann darf Cisplatin nicht angewendet werden?

Der Einsatz von Cisplatin darf nicht erfolgen bei:

  • bekannter Überempfindlichkeit gegen Cisplatin oder einen der sonstigen Bestandteile
  • schwerer Beeinträchtigung der Knochenmarkfunktion (insbesondere bei chemo- und/oder strahlentherapeutisch vorbehandelten Patienten)
  • einer (stark) eingeschränkten Nierenfunktion
  • bei Cisplatin-bedingter Nervenschädigung (Neuropathie)
  • bei eingeschränktem Hörvermögen (besonders im oberen Frequenzbereich)
  • gleichzeitigem Vorliegen einer schweren Infektion
  • bei einem starken Flüssigkeitsmangel (Exsikose)
  • in der Schwangerschaft, insbesondere im ersten Drittel (Trimenon)

Quellen: Fach- und Gebrauchsinformationen der Hersteller; Stiftung Warentest: Medikamente im Test: Krebs