Doxorubicin (Doxo, Adriblastin)

Der folgende Text informiert über Anwendung, Wirkung und mögliche Nebenwirkungen des Doxorubicins sowie darüber, welche Wechselwirkungen mit anderen Substanzen auftreten können und im welchen Fällen Doxorubicin nicht oder nur eingeschränkt verabreicht werden darf.

Autor: Julia Dobke, erstellt am: 03.09.2015, Redaktion: Julia Dobke, Freigabe: Prof. Dr. med. U. Creutzig, Zuletzt geändert: 17.11.2017

Anwendung: Wie wird Doxorubicin eingesetzt?

Doxorubicin wird in Kombination mit weiteren gegen Krebs wirksamen Arzneimitteln bei der Behandlung von Tumoren und Blutkrebs (Leukämien) verwendet. Es wird als Infusion in eine Vene (intravenös, i.V.) verabreicht. Die Dauer der Applikation ist unterschiedlich lang.

Wirkung: Wie wirkt Doxorubicin?

Doxorubicin gehört zu der Substanzgruppe der Anthrazykline. Anthrazykline (oder Anthracykline) sind aus bestimmten Bakterienarten (Streptomyces) gewonnene oder künstlich hergestellte (synthetische) Substanzen.

Sie verhindern auf verschiedene Weise die Zellteilung, so zum Beispiel, indem sie durch Einlagerung in die Erbsubstanz DNA deren Verdoppelung stören (die jeder Zellteilung vorausgeht) oder auch dadurch, dass sie (durch freie Radikale‎) die DNA in kleine Stücke brechen. Darüber hinaus können Anthrazykline die Zellmembran schädigen, die die Zelle umgibt, und dadurch bewirken, dass sie abstirbt.

Nebenwirkungen: Welche Begleiterscheinungen können während oder nach der Behandlung mit Doxorubicin auftreten?

Wir beschränken uns im Folgenden auf die Darstellung der sehr häufig bis häufig und gelegentlich auftretenden Nebenwirkungen. (Definition: aufgetretene Fälle pro Anzahl der Behandelten)

Sehr häufig: mehr als 1 von 10; häufig: mehr als 1 von 100; gelegentlich: mehr als 1 von 1000; selten: mehr als 1 von 10 000; sehr selten: weniger als 1 von 10 000.

Wir erläutern mögliche Nebenwirkungen unterschieden nach den Organen / Organsystemen. Für mehr Informationen zu den selten bis sehr selten auftretenden Nebenwirkungen informieren Sie sich bitte in den Fach- und Gebrauchsinformationen des jeweiligen Herstellers.

Sehr häufige Nebenwirkungen

Knochenmark / Immunsystem

Abhängig von der Medikamenten-Dosis können unterschiedlich schwere Grade von Knochenmarkschädigung (eine so genannte Knochenmarkdepression oder Myelosuppression) auftreten, die mit einem Abfall der Zahl weißer Blutkörperchen (Leukozytopenie) sowie einem Abfall der Zahl der Blutplättchen (Thrombozytopenie) und der roten Blutkörperchen (Blutarmut, Anämie) einhergehen.

Eine schwere Immunsuppression kann zu schwerwiegenden Infektionen mit manchmal tödlichem Ausgang führen. Im schwersten Fall kann es zu einer Sepsis und einem septischen Schock kommen. Letzteres ist aber nur sehr selten der Fall.

Magen- / Darmtrakt

Sehr häufig kommt es nach der Gabe von Doxorubicin zu Schleimhautentzündungen des Mundes, der Speiseröhre (Brennen, Schluckbeschwerden) und/oder des Darms (Mukositis, Stomatitis). Durchfall mit entsprechendem Nährstoffverlust (Kalium- und Eiweißverlust), ebenso wie Übelkeit und Erbrechen können die Folge sein. Es kommt häufig zu Appetitlosigkeit.

Gefäßsystem

Bei der Verabreichung von Doxorubicin in eine periphere Vene kommt es sehr häufig zu einer Entzündung der Gefäßwand (Thrombophlebitis). Durch die Nutzung eines Zentralen Venenkatheters (zum Beispiel Broviac-Katheter) kann das Risiko stark gesenkt werden.

Haut und Unterhaut

Wenn das Doxorubicin durch Injektion in eine Vene verabreicht wird, kann es zu lokalen Hautreaktionen an der Einstichstelle kommen. Wenn die Vene verletzt wird oder das Medikament neben die Venen injiziert wird (Paravasat), können schwere Schädigungen des Hautgewebes (Nekrose) die Folge sein.

Nach der Gabe von Doxorubicin kann es zur Ablösung der Fingernägel aus dem Nagelbett und zu Haarausfall kommen (Haare und Nägel wachsen nach Beendigung der Therapie wieder nach). Es können sich Hautausschlag (Exanthem), Hautrötungen (Erythem), Lichtempfindlichkeit der Haut und/oder ein Hand-Fuß-Syndrom bilden. Bei Letzterem handelt es sich um eine mit schmerzhafter Schwellung und Rötung einhergehende Hautveränderung an den Handflächen und Fußsohlen.

Leber

Es kommt sehr häufig zu einer Leberfunktionsstörung, die sich durch eine Erhöhung der Leberwerte im Blut-Serum (Transaminasen und Bilirubin) äußert. Nach Ende der Therapie bilden sich diese Werte wieder zurück. Bei Patienten mit erhöhten Bilirubinwerten ist in der Regel die Ausscheidung von Doxorubicin verlangsamt. In der Folge erhöht sich die Rate an anderen unerwünschten Nebenwirkungen.

Häufig auftretende Nebenwirkungen

Herz

Doxorubicin kann unerwünschte Nebenwirkungen am Herz hervorrufen. Man unterscheidet zwei Typen von Nebenwirkungen am Herzen, abhängig von Zeitpunkt des Auftretens, Dosisabhängigkeit und Ausprägung des Krankheitsbildes.

  • Der dosisunabhängige „Soforttyp“ tritt während oder kurz nach der Infusion auf und äußert sich zum Beispiel durch zu schnellen oder zu langsamen Herzschlag oder auch durch Herzrhythmusstörung mit schnellem Herzschlag. Diese Symptome bilden sich von alleine zurück und hinterlassen keinen Schaden am Herzen.
  • Der dosisabhängige „Spättyp“ ist durch eine anhaltende Schädigung des Herzmuskels, zum Beispiel mit Linksherzschwäche, gekennzeichnet, die zu einer eingeschränkten Belastbarkeit und Atemnot führt. Die Entwicklung dieses Spättyps steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der verabreichten Gesamtdosis aller anthrazyklinhaltiger Medikamente während der Gesamttherapiedauer, der so genannten Kummulativdosis. Zu den Anthrazyklinen zählen, neben Doxorubicin, unter anderem Daunorubicin, Idarubicin und Mitoxantron.

Eine nicht rückgängig zu machende Schädigung des Herzmuskels, wie sie für den dosisabhängingen Spättyp charakteristisch ist, kann unterschiedlich schwer sein und schlimmstenfalls in einer lebensbedrohlichen Herzschwäche enden. Der Zeitpunkt des Beginns variiert stark: Er kann bereits einige Monate nach Ende der Therapie auftreten, aber auch erst viele Jahre nach Abschluss der Therapie. Deswegen wird allen ehemaligen Patienten empfohlen, die Herzfunktion regelmäßig überprüfen zu lassen.

Haut und Schleimhaut

Es kann zu einer Bindehautentzündung des Auges, einer Überpigmentierung von Haut und Nägeln und /oder Nesselsuchtkommen.

Doxorubicin verstärkt die Wirkung einer Strahlentherapie. Selbst wenn die Verabreichung des Medikaments eine beträchtliche Zeit nach Beendigung der Strahlentherapie erfolgt, können in den zuvor bestrahlten Hautbereichen ernste Symptome wie Hautrötung, Schwellung bis hin zu Blasenbildung der Haut auftreten.

Gelegentlich auftretende Nebenwirkungen

Magen- Darmtrakt

Durch die Schädigung der Schleimhäute (Mukositis) kann es gelegentlich zu Blutungen im Magen oder Darm kommen.

Die therapiebedingte Entzündung des Dickdarms (Kolitis) kann zu Beschädigungen der Darmwand und in der Folge zu einer schweren Infektion führen. Dies tritt allerdings eher bei einer Kombinationstherapie mit den Zytostatika Doxorubicin und Cytarabin auf.

Harntrakt

Innerhalb von ein bis zwei Tagen nach der Infusion kann sich der Harn rot färben. Die Verfärbung ist harmlos (das Medikament ist rot) und verschwindet von selbst wieder.

Zweittumoren (Zweitmalignome)

Nach der Behandlung mit Doxorubicin in Kombination mit anderen Zytostatika kann es auch viele Jahre nach der Behandlung zum Auftreten von Zweittumoren (zum Beispiel Blutkrebs) kommen. Mehr zu therapiebedingten Zweittumoren erfahren Sie hier.

Das Deutsche Kinderkrebsregister erfasst alle Zweiterkrankungen bei Kindern, die im Alter von unter 15 beziehungsweise 18 Jahren zum ersten Mal an Krebs erkrankt sind. Dort finden Sie auch nähere Informationen.

Geschlechtsdrüsen / Fortpflanzungsfähigkeit

Doxorubicin kann bei weiblichen Jugendlichen und bei Frauen den Hormonhaushalt dauerhaft stören, so dass die Menstruationsblutung ausbleibt. In der Regel normalisieren sich Eisprung und Menstruation nach Beendigung der Therapie; nur in seltenen Fällen können einige Frauen keine Kinder bekommen.

Bei männlichen Jugendlichen und bei Männern kann die Spermienproduktion dauerhaft erniedrigt sein oder ganz aussetzen. In einigen Fällen wurde auch über eine Normalisierung der Werte berichtet, manchmal Jahre nach Beendigung der Therapie. Weitere Informationen zu therapiebedingten Fruchtbarkeitsstörungen erhalten Sie hier.

Wechselwirkungen: Mit welchen anderen Medikamenten / Substanzen kann Doxorubicin interagieren?

  • Psychopharmaka: Die gleichzeitige Einnahme vom Phenobarbital, Phenytoin oder Johanniskraut kann die Wirkung des Doxorubicin mindern.
  • Cyclosporin: Bei gleichzeitiger Einnahme von Cyclosporin, einem Medikament, das die Immunabwehr unterdrückt, wird die Wirkung des Doxorubicins verstärkt und die unerwünschten Nebenwirkungen können zunehmen.
  • Weitere Zytostatika: Bei gleichzeitiger Gabe von anderen Zytostatika (im Rahmen einer Kombinationschemotherapie) können sich die unerwünschten Nebenwirkungen auf das Knochenmark, die Leber und das Herz verstärken.
  • Strahlentherapie: Doxorubicin verstärkt die Wirkung einer Strahlentherapie. Selbst wenn das Medikament eine beträchtliche Zeit nach Beendigung der Strahlentherapie verabreicht wird, können in den betroffenen, das heißt zuvor bestrahlten Hautbereichen ernste Symptome auftreten.
  • Cyclophosphamid: Wenn eine Doxorubicintherapie an die Behandlung mit Cyclophosphamid angeschlossen wird, kann dies die Nebenwirkungen auf das Herz verstärken und, darüber hinaus, zur Verschlechterung einer bereits vorhandenen blutigen Blasenentzündung führen.
  • Antiepileptika: Die Aufnahme von Medikamenten gegen Krampfanfälle (Epilepsie), zum Beispiel Carbamazepin, Phenytoin oder Valproat, ist nach einer gleichzeitigen Anwendung von Doxorubicin vermindert.
  • Digoxin: Doxorubicin kann die Wirkung von Digoxin, das bei akuter oder chronischer Herzschwäche eingesetzt wird, verringern. Während der Therapie mit Doxorubicin sollte daher der Medikamentenspiegel von Digoxin im Blut regelmäßig überprüft werden.
  • Amphotericin B: Die Kombination von Doxorubicin mit Amphotericin B (ein Medikament gegen Pilzinfektionen) sollte vermieden werden, da dies zu ausgeprägter Nieren-Toxizität führen kann.

Gegenanzeigen: Wann darf Doxorubicin nicht angewendet werden?

Doxorubicin darf nicht angewendet werden:

  • bei Patienten, die eine ausgeprägte Knochenmarksdepression***‎ aufweisen (einschließlich Patienten mit erhöhter Blutungsneigung).
  • bei Vorliegen einer Herzerkrankung bereits vor Beginn der Therapie oder wenn diese im Verlauf der Therapie aufgetreten ist (fortschreitende Herzschwäche, schwerwiegende Herzrhythmusstörungen und Leitungsstörungen, akute entzündliche Herzerkrankung, Erkrankung des Herzmuskels).
  • bei Vorliegen einer schweren Nierenerkrankung.
  • bei Vorliegen einer schweren Lebererkrankung.
  • wenn in vorherigen Behandlungen bereits die maximal empfohlene Doxorubicin-Dosis (Kummulativdosis) erreicht wurde.

Quellen: Fach- und Gebrauchsinformationen der Hersteller; Stiftung Warentest: Medikamente im Test: Krebs