Konditionierungsbehandlung / Hochdosistherapie

Autor: Dr. med. habil. Gesche Tallen, Maria Yiallouros, erstellt am: 15.01.2010, Redaktion: Maria Yiallouros, Freigabe: PD Dr. med. S. Voigt, Zuletzt geändert: 01.08.2017

Voraussetzung für eine erfolgreiche Stammzelltransplantation ist, dass die gesunden Spenderzellen nach ihrer Übertragung

  1. genügend Raum zur Einnistung im Knochenmark des Empfängers finden,
  2. von den Blutzellen des Empfängers nicht als "Fremdlinge" abgestoßen werden, sondern sich erfolgreich vermehren können.

Um dies zu erreichen, muss der Empfänger so vorbehandelt werden, dass seine eigenen Knochenmarkzellen und damit die eigene Blutbildung mehr oder weniger vollständig ausgelöscht werden. Sein Immunsystem wird damit unterdrückt. Die Vorbehandlung zielt außerdem darauf ab, vorhandene Tumorzellen zu vernichten oder zumindest in ihrer Zahl zu reduzieren.

Die Vorbereitung des Empfängers auf die Transplantation nennt man Konditionierung. Sie besteht im Allgemeinen aus einer Hochdosis-Chemotherapie, einer Ganzkörperbestrahlung oder beidem. In manchen Fällen erhält der Patient außerdem Antikörper gegen seine Immunzellen (so genanntes Anti-Thymozyten-Globulin, ATG). Die Wahl des Konditionierungs-Schemas richtet sich in der Regel nach Art und Stadium der Erkrankung sowie nach dem zur Verfügung stehenden Spendertyp. Im Anschluss an die Konditionierung erfolgt die eigentliche Transplantation.

Hochdosis-Chemotherapie

Der chemotherapeutische Teil der Konditionierungsbehandlung besteht in der Gabe von Zytostatika, die auch sonst in der Krebsbehandlung eingesetzt werden. Bei der Konditionierung werden jedoch viel höhere Medikamentendosen gegeben, daher spricht man in diesem Fall von einer Hochdosis-Chemotherapie. Häufig verwendete Substanzen sind unter anderem Cyclophosphamid, Etoposid, Fludarabin, Melphalan, Busulfan und Thiotepa.

Informationen zu den einzelnen Zytostatika finden Sie in unserem Zytostatika-Glossar.

Bestrahlung

Bei manchen Krankheiten (zum Beispiel Leukämien oder einem Non-Hodgkin-Lymphom) zusätzlich zur Hochdosis-Chemotherapie in Frage kommen. Dabei wird der gesamte Körper des Patienten in mehreren Einzelsitzungen innerhalb von wenigen Tagen mit energiereicher Strahlung behandelt. Besonders empfindliche Organe wie die Lunge können durch bestimmte Maßnahmen (zum Beispiel Bleiblöcke) so geschützt werden, dass sie einer geringeren Strahlendosis ausgesetzt sind als der Rest des Körpers.

Das Ziel der Bestrahlung ist die Abtötung der im Allgemeinen sehr strahlenempfindlichen bösartigen Zellen (das gilt insbesondere für Leukämie- oder Lymphomzellen) sowie die Zerstörung der Knochenmarkzellen und des Immungedächtnisses.

Patienten mit einer akuten Leukämie, deren Zentralnervensystem oder Hoden ebenfalls befallen sind oder waren, erhalten eventuell zusätzlich zur Ganzkörperbestrahlung einen Strahlenboost auf die jeweilige Region. Bei manchen Tumorerkrankungen kann an Stelle einer Ganzkörperbestrahlung auch lediglich eine lokale Bestrahlung der betroffenen Tumorregionen ausreichen (zum Beispiel beim Hodgkin-Lymphom).

Unter Umständen kann eine Ganzkörperbestrahlung auch vollständig durch Medikamente ersetzt werden. Diese Methode wird für Patienten mit einer akuten lymphoblastischen Leukämie in einer Studie geprüft (siehe auch Studie ALL SCTped 2012 Forum).

Ihr Transplantationsteam wird Ihnen ausführlich erklären, bei welcher Krankheit eine Kombination von Strahlen- und Chemotherapie an Stelle einer alleinigen Chemotherapie sinnvoll ist beziehungsweise welches Konditionierungsschema grundsätzlich für Ihr Kind in Frage kommt.

Nebenwirkungen der Konditionierung und Möglichkeiten der Vorbeugung und Behandlung

Die intensive Chemotherapie und Strahlentherapie, die im Rahmen der Konditionierungsbehandlung eingesetzt werden, sind mit verschiedenen akuten (und chronischen) Nebenwirkungen verbunden. Manche dieser Nebenwirkungen treten praktisch immer auf, andere sind sehr selten. Zu den sehr häufigen Nebenwirkungen gehören:

  • Übelkeit und Erbrechen
  • Haarausfall (Alopezie)
  • (Schmerzhafte) Schädigung der Schleimhäute von Mund, Rachen und Magen-Darm-Trakt (Mukositis)
  • Mundtrockenheit (bei einer Ganzkörperbestrahlung)
  • Schädigung der Blutbildung und infolgedessen Mangel an roten und weißen Blutzellen sowie Blutplättchen (Knochenmarkaplasie‎)
  • Unfruchtbarkeit

In selteneren Fällen werden auch andere Organe (wie Leber, Nieren und Herz) in Mitleidenschaft gezogen. Bei Kindern, die mit Anti-Thymozyten-Globulin (ATG) behandelt werden, kann es zu allergischen Reaktionen mit Hautausschlag und Fieber kommen.

Gut zu wissen: Um den Nebenwirkungen der Konditionierung vorzubeugen oder diese zu lindern, wird das Behandlungsteam verschiedene unterstützende Behandlungsmaßnahmen ergreifen (so genannte Supportivtherapie). Ein Teil der Nebenwirkungen wird darüber hinaus nach der Beendigung der Therapie wieder von selbst abklingen.

  • Übelkeit und Erbrechen können durch eine vorbeugende Behandlung mit gut verträglichen Medikamenten (Antiemetika) verhindert oder gemildert werden.
  • Ein vorübergehender Haarausfall lässt sich nicht verhindern. Er kann aber unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Meist wachsen die Haare drei bis sechs Monate nach Therapieende wieder vollständig nach. Bis es soweit ist, kann das Tragen von Mützen, Kappen oder Tüchern dazu beitragen, dass sich die Patienten wohler fühlen.
  • Gegen die schmerzhaften und mit Schluckbeschwerden einhergehenden Entzündungen der Mund- und Darmschleimhaut werden lindernde Schmerzmittel gegeben. Meist ist in dieser Zeit auch eine künstliche Ernährung notwendig, damit der Patient ausreichend mit Nährstoffen versorgt ist. Je nach Ausmaß und Schweregrad der Mukositis kann dies über eine Magensonde oder über den zentralen Venenkatheter erfolgen.
  • Der Mangel an roten Blutzellen (Anämie) oder Blutplättchen (Thrombozytopenie) werden durch die Gabe entsprechender Blutkonserven (Erythrozyten- und Thrombozytenkonzentrate) ersetzt.
  • Um den Patienten vor Infektionen (durch Bakterien, Pilze und Viren) zu schützen oder diese zu behandeln, werden Antibiotika, Virostatika sowie Pilzmedikamente verabreicht. Während der Phase der Knochenmarkaplasie wird der Patient außerdem in einem "Sterilzimmer" untergebracht und keimarm ernährt (siehe auch Kapitel zur Aplasie-Phase).
  • Durch die Hochdosistherapie kann die Funktion der männlichen und weiblichen Keimdrüsen – der Eierstöcke und der Hoden – beeinträchtigt werden. Aus diesem Grund ist es ratsam, möglichst schon vor der Therapie über Maßnahmen zur Erhaltung der Fruchtbarkeit zu sprechen. Weitere Informationen zum Thema erhalten Sie im Kapitel „Spätfolgen“.

Ausführliche Informationen zur Supportivtherapie erhalten Sie hier.

Auch der Patient selbst beziehungsweise seine Angehörigen können durch verschiedene (vorbeugende) Maßnahmen dazu beitragen, Nebenwirkungen zu mildern und Komplikationen so gut wie möglich zu vermeiden. Dies gilt vor allem für Behandlungszeiten, die der Patient zu Hause verbringt (zum Beispiel während der ambulanten Behandlungsphase). Individuelle Empfehlungen erhalten Sie von Ihrem Behandlungsteam.

Hinweis: Neben den akuten Folgen der Behandlung muss mit verschiedenen Spätfolgen gerechnet werden. Informationen dazu finden Sie im Kapitel Spätfolgen.