Behandlung von Patienten mit reifem B-Zell Non-Hodgkin-Lymphom (B-NHL) beziehungsweise akuter B-Zell-Leukämie (B-AL)

Autor: Maria Yiallouros, erstellt am: 04.08.2010, Zuletzt geändert: 03.08.2018

Die Intensität der Behandlung eines Patienten mit einem reifen B-Zell Non-Hodgkin-Lymphom (B-NHL) oder einer akuten B-Zell-Leukämie (B-AL) hängt in erster Linie davon ab, welches Krankheitsstadium vorliegt und wie viele Lymphomzellen (Tumormasse) sich im Körper befinden.

Die Tumormasse lässt sich anhand der Menge eines bestimmten Stoffwechsel-Enzyms im Blut (Lactat-Dehydrogenase, kurz LDH) gut abschätzen. Es gibt Auskunft über die Wachstums- und Zerfallsraten der Lymphomzellen und ist ein wichtiges Kriterium bei der Beurteilung der Prognose der Erkrankung. Außerdem wird berücksichtigt, ob ein vorhandener Tumor durch eine Operation zu Diagnosezwecken vollständig entfernt wurde.

Wichtige Therapieelemente sind:

1. Vorphase (zytoreduktive Vorphase)

Die (zytoreduktive) Vorphase dient der Einleitung der Behandlung. Sie besteht aus einer kurzen (fünftägigen) Chemotherapie, bei der die Medikamente Dexamethason (DEXA) und Cyclophosphamid (CPM) intravenös und in Tablettenform verabreicht werden. Um auch Lymhomzellen im Zentralnervensystem zu erreichen, erfolgen zudem ein bis zwei Medikamentengaben direkt in den Nervenwasserkanal. Für diese intrathekale Chemotherapie werden Methotrexat (MTX i.th.), Cytarabin (ARA-C i.th.) und Prednisolon (PRED i.th.) eingesetzt.

Der Zweck der Vorphase Behandlung besteht darin, die Lymphomzellen schrittweise und damit für den Organismus möglichst schonend zu reduzieren. Das ist deshalb so wichtig, weil aus den abgetöteten Lymphomzellen durch den Zellabbau bestimmte Stoffwechselprodukte (zum Beispiel Harnsäure) freigesetzt werden, die den Organismus und insbesondere die Nieren schädigen, wenn sie in großen Mengen auftreten.

Die Gefahr einer solchen Komplikation (auch Zellzerfall- oder Tumorlyse-Syndrom genannt) ist umso größer, je höher die anfängliche Zahl der Lymphomzellen ist und je schneller ihre Zerstörung erfolgt. Durch eine vorsichtige Steigerung der Behandlungsintensität und eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr während dieser Behandlungsphase (so genannte Wässerung oder Hydrierung) soll verhindert werden, dass der Zellzerfall ein für den Organismus bedrohliches Maß erreicht (siehe auch Informationen zur Supportivtherapie, Kapitel „Tumorlyse-Syndrom“).

Lediglich bei Patienten, deren Tumor durch eine vorherige Operation vollständig entfernt werden konnte, kann auf die Vorphase-Behandlung verzichtet werden.

2. Intensivtherapie

Die Intensivtherapie besteht aus zwei bis sechs intensiven Chemotherapiephasen (bei Befall des Mediastinums und erhöhten LDH-Werten sieben), die jeweils fünf oder sechs Tage dauern und ungefähr alle zwei Wochen wiederholt werden. Zum Einsatz kommen mehrere Medikamente, die systemisch, das heißt über eine Vene, oder oral, zum Beispiel in Tablettenform, verabreicht werden.

Wichtige Medikamente sind zum Beispiel Dexamethason (DEXA), Methotrexat (MTX), Cyclophosphamid (CPM), Ifosfamid (IFO), Cytarabin (ARA-C), Etoposid (VP-16), Doxorubicin (DOX), Vincristin (VCR) und Vindesin (VDS). Zur Behandlung des Zentralnervensystems (ZNS) erfolgt zusätzlich eine intrathekale Behandlung mit den Medikamenten Methotrexat (MTX i.th.), Cytarabin (ARA-C i.th.) und Prednisolon (PRED i.th.).

Ziel ist, mit jedem Therapiekurs möglichst viele Lymphomzellen zu vernichten. Bei Patienten mit einem vollständig entfernten Tumor reichen zwei Therapieblöcke aus, bei allen anderen Patienten müssen mindestens vier Blöcke zusätzlich zur Vorphase gegeben werden. Durch die kurzen Zeitabstände zwischen den einzelnen Kursen soll die Gefahr für ein Wiederanwachsen der Lymphomzellen auf ein Minimum reduziert werden, um das Entstehen von Resistenzen zu verhindern. Patienten mit einem nachgewiesenen Befall des Zentralnervensystems erhalten eine intensivierte intrathekale Chemotherapie.

Die Gesamtdauer der Therapie beträgt In der Regel zwischen sechs Wochen und sechs Monaten, vorausgesetzt, es tritt im Laufe oder nach Abschluss der Therapie kein Rückfall auf.

Hinweis zur neuen Studie: Im Rahmen der seit August 2017 laufenden Therapieoptimierungsstudie B-NHL 2013 wird überprüft, ob die bisher etablierte Kombinationschemotherapie durch zusätzliche Verabreichung des Antikörpers Rituximab [siehe (monoklonale Antikörper] weiter verbessert werden kann (siehe Abschnitt „Therapieoptimierungsstudien und Register“).

Behandlungsmöglichkeiten bei unvollständigem Ansprechen der Erkrankung auf die Standardtherapie

Bei manchen Patienten kann durch die Standardbehandlung keine oder nur eine unzureichende Tumorrückbildung (Remission) erzielt werden. Ein unzureichendes Ansprechen der Erkrankung auf die Therapie liegt definitionsgemäß dann vor, wenn nach mehrwöchiger Behandlung noch ein Resttumor und/oder noch Lymphomzellen im Knochenmark beziehungsweise in der Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit (Liquor) nachweisbar sind.

Bleibt ein Resttumor zurück, kann bei Patienten mit hohem Rückfallrisiko eine Operation zur Entfernung dieses Resttumors erforderlich sein (so genannte „Second-Look-Operation“). Dabei soll überprüft werden, ob der Resttumor noch lebendes Tumorgewebe enthält. Nur wenn dies der Fall ist, wird anschließend eine Hochdosis-Chemotherapie mit (autologer) Stammzelltransplantation durchgeführt. Auch bei weiterhin bestehendem ZNS-Befall kann eine solche Behandlung in Betracht kommen.