Spätfolgen der Chemo- und Strahlentherapie

Autor: Dipl.-Biol. Maria Yiallouros, erstellt am: 04.02.2009, Zuletzt geändert: 22.01.2018

In diesem Kapitel erhalten Sie Informationen über einige wichtige Langzeitfolgen, die im Rahmen einer Morbus Hodgkin-Behandlung vorkommen können.

Erhöhtes Risiko für Zweitkrebserkrankungen

Die Behandlung eines Hodgkin-Lymphoms ist mit einem erhöhten Risiko verbunden, zu einem späteren Zeitpunkt eine weitere bösartige Erkrankung zu bekommen. Eine zweite Krebserkrankung, die nicht identisch ist mit der ersten, wird als „sekundäre maligne Neoplasie“ (SMN) bezeichnet.

Langzeitbeobachtungen, die im Rahmen des Morbus Hodgkin-Spätfolgenprojekts der Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie (GPOH) über einen Zeitraum von knapp 22 Jahren durchgeführt wurden, zeigen, dass insgesamt 11 % der ehemaligen Patienten nach einer kombinierten Chemo- und Strahlentherapie innerhalb des genannten Zeitraums von einem solchen Sekundärtumor betroffen waren (10 % solide Tumoren, 1 % Blutkrebserkrankungen) [SCH2004d].

Solide Tumoren

Am häufigsten unter den Zweitkrebserkrankungen nach Morbus Hodgkin sind solide Tumoren, insbesondere Brust- und Schilddrüsenkrebs [SCH2003a]. Auch Knochenkrebs, Tumoren des Verdauungssystems (Magen, Darm, Speiseröhre) und Lungenkrebs kommen vor.

Das Risiko für solide Tumoren nimmt mit dem zeitlichen Abstand zur Morbus Hodgkin-Behandlung zu, das heißt, diese Krebserkrankungen entwickeln sich durchschnittlich erst 12 bis 13 Jahre nach der Therapie und treten dann, nach 20 bis 30 Jahren, gehäuft auf.

Die Entstehung solider Tumoren wird vor allem auf die Bestrahlungsbehandlung zurückgeführt, denn die Mehrzahl der Tumoren entsteht meist im Bereich oder am Rand der früheren Strahlenfelder [BHA2003] [SCH2014] [SCH2004d] [SCH2003a].

Eine in Deutschland durchgeführte Beobachtungsstudie hat beispielsweise gezeigt, dass das Brustkrebsrisiko bei ehemaligen Morbus Hodgkin-Patientinnen 30 Jahre nach einer Strahlentherapie (mit Dosen von 20 bis 45 Gray) durchschnittlich etwa 19 % beträgt. Im Alter von 25 bis 45 Jahren ist für diese ehemaligen Patientinnen das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, 24-fach so hoch als in der altersentsprechenden Normalbevölkerung [SCH2014]. Risikopatientinnen wird daher eine regelmäßige Untersuchung der Brust empfohlen (siehe hierzu das Folgekapitel zur Langzeitnachsorge).

Gut zu wissen: Bei den in diesen Untersuchungen berücksichtigten Patientinnen wurden zum Teil höhere Strahlendosen verwendet als dies heutzutage üblich ist; entsprechend wird das Zweitkrebsrisiko voraussichtlich in Zukunft geringer sein.

Bösartige Bluterkrankungen

Selten nach einer Morbus Hodgkin-Behandlung sind inzwischen – aufgrund veränderter Therapiebedingungen – bösartige Bluterkrankungen, also zum Beispiel akute Leukämien (wie die akute myeloische Leukämie; kurz: AML) und Non-Hodgkin-Lymphome (Risiko von insgesamt etwa 1,4 % nach 22 Jahren) [SCH2004d] [SCH2003a] [SCH1999a] [SCH1997a].

Diese Krankheiten treten in der Regel innerhalb der ersten fünf bis sechs Jahre nach der Lymphombehandlung auf und sind hauptsächlich auf die Zytostatikabehandlung zurückzuführen.

Patienten, die aufgrund eines Rezidivs eine erneute, intensivierte Behandlung (so genannte „Salvage-Therapie“) benötigen, haben ein zusätzliches Risiko [SCH1997a].

Wichtig: Um möglicherweise entstehende Zweitkrebserkrankungen so früh wie möglich festzustellen, wird die Einhaltung regelmäßiger Nachsorgeuntersuchungen über viele Jahre nach Therapieabschluss dringend empfohlen. Auch Zweittumoren (wie zum Beispiel die am häufigsten vorkommenden Schilddrüsenkarzinome) lassen sich vielfach günstig behandeln.

Beeinträchtigung der Fruchtbarkeit

Chemotherapie und Strahlentherapie haben grundsätzlich auch eine schädigende Wirkung auf Spermien und Eizellen. Die Keimzellen von Jungen sind generell gefährdeter als die von Mädchen. Dies hängt damit zusammen, dass bei Mädchen bereits bei Geburt alle Eizellen vorhanden sind und sich nicht mehr teilen, während bei Jungen die Spermien mit Eintritt der Pubertät ständig neu produziert werden und dadurch empfindlicher auf äußere Einflüsse reagieren. Dementsprechend ist die Fruchtbarkeit bei männlichen Patienten häufiger eingeschränkt als bei weiblichen.

Generell gilt, dass das Risiko für Fruchtbarkeitsstörungen bei Patienten, die zum Zeitpunkt der Therapie bereits in der Pubertät sind, höher ist als bei Patienten vor Eintritt in die Pubertät [BOR2015] [REI2013b].

bei Jungen

Mehrere der Zytostatika, die bei der Therapie eines Morbus Hodgkin eingesetzt werden oder wurden (wie Procarbazin, Cyclophosphamid, Prednison, Vincristin), können zu einer teilweisen oder kompletten Verminderung der Spermienbildung führen.

Die stärkste Wirkung dieser Art hat das Medikament Procarbazin: Es führt bei circa 40 bis 60 % der männlichen Patienten in weiter fortgeschrittenen Krankheitsstadien (Patienten der Therapiegruppen 2 und 3) aufgrund der notwendigen höheren Dosierung zu einer bleibenden Unfruchtbarkeit durch die dauerhafte Schädigung der Spermien (so genannte Azoospermie).

Im Rahmen der Therapieoptimierungsstudien wurde aus diesem Grund bereits seit Mitte der 80er Jahre versucht, die Gesamtdosis dieses Medikaments bei Jungen so weit wie möglich zu reduzieren oder das Medikament vollständig durch ein anderes zu ersetzen, ohne dass sich dadurch die Gesamtheilungsrate verringert [SCH2003a] [MAU2010]. In Deutschland wird seit Anfang 2012 bei Jungen generell auf die Gabe von Procarbazin verzichtet.

Bei einer Bestrahlung der Becken- und/oder Leistenregion kann es trotz vorbeugender Maßnahmen (Bleiummantelung der Hoden) aufgrund einer Streuung der Strahlen im Körper zu einer Beeinträchtigung der Spermienbildung kommen [SCH2003a].

bei Mädchen

Bei weiblichen Patienten scheint sich die Chemotherapie nicht auf die Funktion der Keimzellen (Eizellen) auszuwirken. Es gibt aber Hinweise darauf, dass eine Behandlung mit dem Medikament Procarbazin möglicherweise die Zeit der Fruchtbarkeit einer Frau verkürzt (vorzeitige Ovarialinsuffizienz / Menopause). Aus diesem Grund wird inzwischen auch bei Mädchen auf Procarbazin in der Behandlung verzichtet.

Eine Bestrahlung der Becken- und/oder Leistenregion ist mit dem Risiko einer Eierstockschädigung verbunden; eine doppelseitige Bestrahlung kann zu bleibender Unfruchtbarkeit führen [SCH2003a].

Gut zu wissen:

Für Jungen nach Eintritt der Pubertät besteht unter Umständen vor Therapiebeginn die Möglichkeit, Spermien zu sammeln und einzufrieren (so genannte Kryokonservierung). Der behandelnde Arzt kann Sie über die vor Ort verfügbaren Möglichkeiten informieren. Es kann allerdings sein, dass die Notwendigkeit eines raschen Therapiebeginns keine Zeit für entsprechende Maßnahmen lässt.

Für weibliche Patienten haben sich zwar in den letzten Jahren ebenfalls neue Möglichkeiten eröffnet, die Fruchtbarkeit zu erhalten beziehungsweise Schwangerschaften nach Abschluss einer Chemo- oder Strahlentherapie zu ermöglichen. Die meisten dieser Methoden befinden sich derzeit allerdings noch in der Entwicklung und müssen deshalb noch als experimentell angesehen werden.

Für Kinder vor Eintritt der Pubertät stehen zurzeit noch keine geeigneten Maßnahmen zur Erhaltung der Fruchtbarkeit zur Verfügung [HEL2005]. Im Rahmen experimenteller Studien können jedoch Hoden- bzw. Eierstockgewebe entnommen und eingefroren werden.

Allgemeine Informationen zu den möglichen Auswirkungen der Krebstherapie auf die Fruchtbarkeit und zu Möglichkeiten der Vorbeugung und Behandlung erhalten Sie in unserer Patienteninformation „Spätfolgen für die Fortpflanzungsorgane“.

Informationen zu Möglichkeiten der Fruchtbarkeitserhaltung sowie Kontaktadressen finden Sie unter anderem bei FertiPROTEKT, dem Deutschen Netzwerk für fertilitätsprotektive Maßnahmen bei Chemo- und Strahlentherapie. Bitte beachten Sie auch die Broschüren für Jungen und Mädchen, die bei der Berliner Krebsgesellschaft bestellt werden können oder online als PDF verfügbar sind (hier). Die Broschüren werden auch auf unseren Seiten vorgestellt.

Erkrankungen der Schilddrüse

Bestrahlungen im Hals- und Brustbereich können zu Funktionsstörungen der Schilddrüse oder zu anderen Schilddrüsenerkrankungen führen.

Am häufigsten ist eine Unterfunktion der Schilddrüse (Hypothyreose), seltener treten eine Schilddrüsenüberfunktion (Basedowsche Erkrankung), eine Schilddrüsenentzündung (Autoimmun-Thyroiditis), gutartigen Knoten, Zysten oder Schilddrüsenkrebs auf [SCH2004d] [SCH2003a].

Ganz allgemein gehört die Schilddrüse, neben den Hoden, zu den Organen, die durch die Behandlung eines Hodgkin-Lymphoms am häufigsten beeinträchtigt wird. Verschiedene Studien haben ergeben, dass das Risiko für Morbus-Hodgkin-Patienten, innerhalb von 20 Jahren nach Ende der Therapie irgendeine Art von Schilddrüsenstörung zu bekommen, bis zu 50 % betragen kann [SCH2003a].

Weitere mögliche Spätfolgen

  • Bestrahlungen im Bereich des Mediastinums (also im Brustbereich) können das Herz schädigen. Am häufigsten beobachtet werden Herzklappenfehler, Schädigungen der Herzkranzgefäße, Herzmuskelerkrankungen (Kardiomyopathien), Herz-Rhythmus-Störungen und Herzbeutelentzündungen [SCH2010d]. Auch die Lunge kann betroffen sein.
  • Die durch Bestrahlung des Herzens und der großen Gefäße sowie der Lunge und des Mediastinums verursachte Schädigung der Herz- und Lungengesundheit kann zu einer chronischen Mangelversorgung des Gehirns mit Sauerstoff führen und infolgedessen auch Einschränkungen der Gehirnfunktion (wie verringerte Gedächtnisleistung, Aufmerksamkeitsdefizit) hervorrufen [KRU2012].
  • Als Spätfolge bestimmter hoch dosierter Zytostatika, zum Beispiel Adriamycin (Doxorubicin) können ebenfalls verschiedene Störungen der Herzfunktion resultieren.
  • Auch eine Beeinträchtigung der Nieren- und Leberfunktion ist möglich (zum Beispiel durch Medikamente wie Cyclophosphamid).
  • Das Medikament Vincristin kann das Nervensystem, insbesondere die peripheren Nerven (peripheres Nervensystem) schädigen. Anzeichen dieser so genannten peripheren Neuropathie sind zum Beispiel unangenehme, manchmal schmerzhafte Körperempfindungen mit Kribbeln, Taubheit, Einschlafen der Glieder und/oder Wahrnehmungsstörungen von Kälte und Wärme. Auch Muskelschwäche oder Lähmungserscheinungen können vorkommen.
  • Manche Krebsmedikamente (zum Beispiel Prednison und Dexamethason) können durch eine knochenzerstörende Wirkung (aseptische Knochennekrose) zu Gelenkfunktionsstörungen führen, die mit Bewegungseinschränkungen und Schmerzen verbunden sein können. In seltenen Fällen kann hierdurch ein künstlicher Gelenkersatz notwendig werden.
  • Ist im Rahmen der Behandlung eine Entfernung der Milz notwendig (dies kommt allerdings heutzutage nicht mehr vor), kann es in der Folge zu einem erhöhten Risiko zum Teil lebensbedrohlicher Infektionen kommen. Die Milz spielt insbesondere in der Kindheit eine wichtige Rolle für den Aufbau und die Funktion des Immunsystems. Wenn sie entfernt werden muss oder in ihrer Funktion gestört ist, kann dies zu einer bedeutenden Schwächung der Immunabwehr führen [SCH2004d].

Um Spätfolgen der Therapie möglichst frühzeitig zu erkennen, empfiehlt das Behandlungsteam die Wahrnehmung regelmäßiger Nachsorgeuntersuchungen. Informationen hierzu finden Sie im Kapitel „Langzeitnachsorge“. Allgemeine Informationen zu Spätfolgen an verschiedenen Organen (Fortpflanzungsorgane, Herz, Niere) finden Sie in unseren Patienteninformationen zu organbezogenen Spätfolgen hier.