Transplantat-gegen-Wirt-Krankheit (GvHD)

Autor: Dr. med. Gesche Tallen, Dr. med. Jörn Kühl, erstellt am: 01.10.2013, Redaktion: Maria Yiallouros, Zuletzt geändert: 01.10.2013

Die Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion oder Transplantat-gegen-Wirt-Krankheit (englisch: "Graft-versus-Host-Disease", "GvHD") ist eine Komplikation, die speziell bei der allogenen Blutstammzelltransplantation [allogene Stammzelltransplantation] auftritt. Sie kommt bei der autologen HSZT [siehe autologe Stammzelltransplantation] nicht vor.

Die Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion stellt eine genaue Umkehrung der zum Beispiel aus der Organtransplantation bekannten Abstoßungsreaktion dar. Denn während sich bei der Transplantatabstoßung die Immunabwehr des Empfängers gegen Zellen des Spenders richtet (Wirt-gegen-Transplantat-Reaktion), greifen im umgekehrten Fall – also bei der Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion – die Immunzellen (die T-Lymphozyten) des Spenders den Körper des Empfängers an.

Auch wenn die entscheidenden Gewebemerkmale von Spender und Empfänger übereinstimmen (das ist die Grundvoraussetzung für eine allogene hämatopoetische Stammzelltransplantation, HSZT), unterscheidet sich das „neue“ Knochenmark in manchen Eigenschaften von dem des Patienten. Die Abwehrzellen des Spenders, die im Transplantat enthalten sind, können daher einige Gewebemerkmale des Empfängers als "fremd" erkennen und versuchen, sie wie eingedrungene Fremdstoffe (Antigene) zu vernichten.

Da es sich bei dem Gewebe des Patienten aber nicht um Antigene handelt, die durch die Abwehrzellen des Spenders – wie bei einer normalen Immunantwort – beseitigt werden können, muss das Transplantat "lernen", sich an seine neue Umgebung zu "gewöhnen" und sie anzunehmen. Die Experten sprechen auch von Immuntoleranz. Ist diese Immuntoleranz nicht gegeben, wird der Empfänger des Transplantats krank. [Die Krankheit ist Ausdruck der "Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion (GVHR)" und wird entsprechend "Transplantat-gegen-Wirt-Krankheit" (GvHD) genannt. Häufig werden die beiden Begriffe allerdings synonym verwendet.]

Die Transplantat-gegen-Wirt-Krankheit beginnt in der Regel zeitgleich mit dem "Anwachsen" des Transplantats beim Empfänger, also mit der so genannten Regeneration des Knochenmarks nach der Transplantation. Sie macht sich zunächst durch eine Rötung der Haut bemerkbar und kann im weiteren Verlauf zu Schädigungen der Darmschleimhaut und der Leber führen (siehe auch unten).

Die Krankheit kann, wenn sie unbehandelt bleibt, ein lebensbedrohliches Ausmaß annehmen. Aus diesem Grund wird im Rahmen einer allogenen HSZT immer eine vorbeugende Behandlung (GvH-Prophylaxe) durchgeführt. Diese Prophylaxe kann zwar in der Regel das Auftreten einer Transplantat-gegen-Wirt-Krankheit nicht verhindern, jedoch deren Schweregrad deutlich vermindern (siehe unten).

Gut zu wissen: Es gibt eine akute und eine chronische Form der Transplantat-gegen-Leukämie-Reaktion (GvHD). Als Unterscheidungskriterium dient in erster Linie der Zeitpunkt, zu dem die Reaktion stattfindet. Eine GvHD bis 100 Tage nach der Transplantation ist definitionsgemäß „akut“, anschließend „chronisch“.

Akute Transplantat-gegen-Wirt-Krankheit (aGvHD)

Von einer akuten Transplantat-gegen-Wirt-Krankheit (acute Graft-versus-Host-Disease, aGvHD) spricht man in der Regel dann, wenn sich die Reaktion der Spenderzellen gegen den Organismus des Empfängers innerhalb der ersten 100 Tage nach der Blutstammzelltransplantation (HSZT) bemerkbar macht.

Symptome

Die akute GvHD befällt vor allem Haut, Darm und Leber. Am häufigsten kommt es zu einem Hautausschlag, der sich – je nach Schweregrad – als leichte Rötung, aber auch in Form schwerer entzündlicher Hautveränderungen äußern kann. Ein Befall des Darmes zeigt sich durch Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen und Durchfälle, die von Bauchschmerzen begleitet sein können.

Bei einem Teil der Patienten kommt es außerdem zu einer Beeinträchtigung der Leberfunktion, die mit einem Anstieg der Leberwerte und und zum Teil auch mit Gelbsucht einhergehen kann. In seltenen Fällen kann (trotz Behandlung) die Leberfunktionsstörung lebensbedrohliche Ausmaße annehmen und/oder es kann zu schweren Blutungen aus dem Darm kommen.

Häufigkeit und Schweregrad

Etwa 20-40 % der Kinder sind nach der Stammzelltransplantation von einer akuten GvHD betroffen. Im Allgemeinen ist das Auftreten dieser Reaktion vom Alter und vom Transplantat abhängig, aber auch individuelle Faktoren des Patienten spielen eine Rolle.

Je nachdem, welche Organe betroffen sind und wie schwer sich die Erkrankung äußert, werden vier verschiedene Grade der aGvHD unterschieden (I-IV). Die leichteren Formen, Grad I-II, sind bei bösartigen Erkrankungen wie beispielsweise Leukämien durchaus erwünscht, da sie auch gegen den Tumor/die Leukämie richten (Transplantat-gegen-Leukämie-Reaktion). Die schweren Formen (Grad III-IV) der aGvHD sind bei einem gut passenden Spender im Kindes- und Jugendalter eher selten.

Chronische Transplantat-gegen-Wirt-Krankheit (cGvHD)

Als chronische Transplantat-gegen-Wirt-Krankheit (chronic Graft-versus-Host-Disease, cGvHD) bezeichnet man eine Reaktion, die zu einem späteren Zeitpunkt, also nach Tag+100 auftritt. Die chronische GvHD kann sich direkt aus einer akuten GvHD entwickeln. Sie kann aber auch im Anschluss an eine beschwerdefreien Phase nach der akuten GvHD oder sogar ohne eine vorangegangene akute GvHD entstehen.

Zu einer chronischen GvHD kommt es dann, wenn sich die Spenderzellen nicht an das Empfängergewebe gewöhnen, der immunologische Lernprozess der Spenderzellen also nicht gelingt und damit die erwünschte Immuntoleranz nicht erreicht wird. Diese Komplikation ist umso wahrscheinlicher, je weniger nahe der Spender dem Empfänger bezüglich seiner Gewebemerkmale steht.

Symptome

Die chronische GvHD ist ein eigenes Krankheitsbild. Sie gleicht in vielerlei Hinsicht einer Abwehrschwächekrankheit (Immundefekt), in anderer Hinsicht aber auch Krankheiten, bei denen sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper wendet, wie es bei den so genannten Autoimmunkrankheiten der Fall ist.

Häufig betroffene Organe sind die Haut, die Augen, die Mundschleimhaut, die Speicheldrüsen, der Darm, die Leber und die Lunge. Die Krankheit kann lokal begrenzt sein (zum Beispiel auf Haut, Schleimhäute, Bindehäute) und die Lebensqualität des Patienten entsprechend beeinträchtigen. Sie kann aber auch auf systemische Weise gleich mehrere Organsysteme betreffen und damit zu einer schweren, lebensbedrohlichen Komplikation werden.

Am häufigsten führt die chronische GvHD zu Hautveränderungen (zum Beispiel mit Rötung, Trockenheit, Juckreiz, Veränderung der Hautfarbe, Hautverhärtung) sowie zu ausgeprägter Trockenheit von Mundschleimhaut und Bindehaut. Die Mundschleimhaut ist dann sehr empfindlich gegenüber Säuren und Gewürzen; außerdem kommt es häufiger zu Karies und Parodontose.

Ist der Darm betroffen, kann es, wie bei einer akuten GvHD, zu Übelkeit, Erbrechen, schmerzhaften Durchfällen und infolgedessen zu einer verminderten Nährstoffaufnahme und Gewichtsverlust kommen. Eine Leberbeteiligung zeigt sich durch steigende Leberwerte und zum Teil Gelbsucht. Eine chronische GvHD der Lunge führt zu entzündlichen Veränderungen des Lungengewebes und kann sich durch Reizhusten und Atemnot bemerkbar machen. Auch Muskel- und Gelenkbeschwerden kommen vor.

Häufigkeit und Schweregrad

Auch bei der schweren chronischen GvHD werden verschiedene Schweregrade unterschieden (siehe oben). Die Erkrankung kann „subklinisch“ sein, das heißt, sie ist noch ohne Symptome, lässt sich aber feingeweblich nachweisen. Bei einer begrenzten (limitierten) cGvHD ist die Haut lokal befallen und/oder es liegt eine Funktionsstörung der Leber vor. Sind mehrere Organe oder Organsysteme betroffen, sprechen die Experten von einer ausgedehnten (extensiven) cGvHD. Bei etwa 10-15 % aller Patienten im Kindesalter kommt es zu einer schwereren chronischen GvHD.

Gut zu wissen: Da die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer chronischen GvHD größer ist, wenn ihr eine akute GvHD vorausgeht, wird das Behandlungsteam besonderes Augenmerk darauf legen, der Krankheit von vornherein durch entsprechende vorbeugende und behandelnde Maßnahmen entgegenzuwirken (siehe Informationen im Anschluss).

Vorbeugung und Behandlung der Transplantat-gegen-Wirt-Krankheit

Um der akuten Transplantat-gegen-Wirt-Krankheit (GvHD) vorzubeugen oder diese zu behandeln, wird im Allgemeinen eine Therapie durchgeführt, die die Abwehrreaktionen des Transplantats unterdrückt. Es handelt sich um eine so genannte immunsuppressive Therapie (Immunsuppression).

Derzeit gibt es mehrere Verfahren zur GvH-Prophylaxe, die unterschiedliche Vor- und Nachteile haben. Zum Einsatz kommen dabei unter anderem Substanzen wie Cyclosporin A, das Anti-Thymozyten-Globulin und Methotrexat. Tritt dennoch eine akute GvHD auf, besteht die Ersttherapie in der Gabe von Kortison, das die meisten Reaktionen zum Abklingen bringt. Das Transplantationsteam wählt – je nach der Krankheitssituation Ihres Kindes – die individuell passende Behandlung aus. Ausführlichere Informationen zu den verschiedenen Maßnahmen finden Sie im Anschluss.

Cyclosporin A

Das wichtigste Mittel zur Vorbeugung einer Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion ist Cyclosporin A (CSA). Es handelt sich dabei um ein Antibiotikum. Cyclosporin A verhindert, dass die Lymphozyten zu bestimmten Abwehrreaktionen angeregt werden und hemmt damit auch die Abwehrreaktion der Spenderlymphozyten gegen das Gewebe des Patienten.

Das Medikament besitzt jedoch eine ganze Reihe von Nebenwirkungen; insbesondere schädigt es die Leber und die Nieren. Diese Nebenwirkungen treten allerdings in den meisten Fällen nur dann auf, wenn der Blutspiegel des Medikaments zu hoch ist. Da die Cyclosporin A-Menge, die für eine ausreichende GvH-Prophylaxe notwendig ist, von Patient zu Patient stark schwankt, muss der Blutspiegel der Substanz regelmäßig kontrolliert werden.

Eine weitere Nebenwirkung von Cyclosporin A ist beispielsweise das Auftreten von Zittern, meist jedoch nur zu Beginn der Behandlung und bei hohen Blutspiegeln. Oft wird auch beobachtet, dass die Körperbehaarung zunimmt und das Zahnfleisch sich verändert. Diese Nebenwirkungen können sich nach dem Absetzen des Medikaments allerdings wieder zurückbilden.

Steroidhormone und Methotrexat

Neben Cyclosporin A werden auch Steroidhormone***‎ (wie Kortison***‎) und das Zytostatikum Methotrexat (MTX) eingesetzt, letzteres allerdings in niedrigeren Dosierungen als bei der Behandlung von Krebserkrankungen. Damit treten die schwerwiegenden Nebenwirkungen, wie sie von einer Behandlung mit hohen Dosen Methotrexat bekannt sind, nicht auf. Methotrexat kann allerdings zu den Mundschleimhautschädigungen beitragen, die in der Frühphase nach Stammzelltransplantation regelmäßig auftreten.

Im Allgemeinen kann mit den genannten Substanzen in der überwiegenden Zahl der Fälle eine Transplantat-gegen-Wirt-Krankheit wirksam unterdrückt werden. Führt die Behandlung zunächst nicht zum Erfolg, kann dies durch zwischenzeitlich häufigere Gaben von Steroidhormonen angestrebt werden.

Sonstige Maßnahmen

Wenn die Transplantat-gegen-Wirt-Krankheit auch auf diese Maßnahmen nicht anspricht, können bestimmte Antikörper (Anti-Thymozyten-Globulin, ATG) verabreicht werden, die die Lymphozyten des Spenders erkennen und zerstören können.

Eine weitere Methode zur Vorbeugung der Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion ist, die für die Krankheit verantwortlichen T-Lymphozyten noch vor der Stammzelltransplantation aus dem Transplantat zu entfernen. Diese effektive Maßnahme wird T-Zell-Depletion genannt und vor allem dann eingesetzt, wenn sich Spender und Empfänger in wesentlichen Gewebemerkmalen unterscheiden. Das Verfahren bringt jedoch auch Probleme mit sich, denn die möglichen Abwehrreaktionen zwischen Spender und Empfänger werden nunmehr wieder in Richtung des Empfängers verschoben, was ein erhöhtes Risiko der Transplantatabstoßung zur Folge hat.

Dauer der Behandlung

Die Behandlung einer Transplantat-gegen-Wirt-Krankheit muss so lange erfolgen, bis diese eindeutig abgeklungen ist. Dies dauert oftmals mehrere Wochen, bei einer chronischen Transplantat-gegen-Wirt-Krankheit manchmal auch Jahre. Bei letzterer können weitere, hier noch nicht genannte Therapieverfahren zur Anwendung kommen. Nicht alle schweren Formen der chronischen GvHD sind jedoch behandelbar.