Das Liquorsystem

Autor: Dr. med. Gesche Tallen, erstellt am: 24.04.2007, Zuletzt geändert: 24.04.2007

Gehirn und Rückenmark sind in die drei Hirn- beziehungsweise Rückenmarkshäute (harte Hirnhaut - Dura mater, Spinngewebshaut - Arachnoidea, weiche Hirnhaut - Pia mater) eingehüllt, die einen Raum mit Flüssigkeit (Liquor cerebrospinalis oder auch Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit, Nervenwasser) umgeben. Hirntumoren können je nach ihrer Lage den normalen Fluss der Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit behindern, so dass es zum lebensgefährlichen Aufstau dieser Flüssigkeit kommt. Entsprechend können zusätzliche Maßnahmen, zum Beispiel eine Shunt-Operation, notwendig werden. Im Folgenden wird erklärt, wie der Liquor normalerweise fließt, welche Aufgaben er hat und wo genau es durch einen Tumor zu Problemen kommen kann.

Aufbau und Funktion des Liquorsystems

Das Zentralnervensystem (ZNS) ist zu allen Seiten von Liquor (Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit, Nervenwasser) umgeben. Auch die inneren Hohlräume des Gehirns (Hirnkammern, Hirnventrikel) sind mit Liquor gefüllt, so dass man innere und äußere Liquorräume unterscheidet.

Die Flüssigkeit wirkt wie ein wassergefüllter Puffer, der Gehirn und Rückenmark gegen plötzliche Stöße und andere schädliche Einwirkungen schützt. Darüber hinaus hat die Flüssigkeit auch eine nährende Funktion. Sie transportiert Nährstoffe vom Blut zum Nervengewebe und leitet Stoffwechselprodukte ab.

Innere Liquorräume

Das Ventrikelsystem des Gehirns besteht aus vier Hirnkammern (Ventrikeln): den beiden Seitenventrikeln der Großhirnhälften(I. und II. Ventrikel), dem Ventrikel des Zwischenhirns (III. Ventrikel) und dem Ventrikel von Brücke und verlängertem Mark im Hirnstamm (IV. Ventrikel). Die beiden Seitenventrikel sind durch eine auf jeder Seite gelegenen Öffnung, dem Foramen Monroi, miteinander verbunden. Der III. Ventrikel steht wiederum durch einen Engpass, den Aquäductus cerebri, mit dem IV. Ventrikel in Verbindung.

Äußere Liquorräume

Der äußere Liquorraum liegt zwischen den beiden Blättern der weichen Hirnhaut. Er wird nach innen von der weichen Hirnhaut (Pia mater) und nach außen von der mittleren Hirnhaut (Arachnoidea) begrenzt und bildet den Subarachnoidalraum.

Liquorzirkulation

Der Liquor wird in speziellen Knäueln aus kleinen Arterien und Venen, dem Plexus choroideus, in allen Liquorräumen (außer im vorderen und hinteren Anteil der Seitenventrikel und auch nicht im Aquäduct) von bestimmten Ependymzellen gebildet, welche die Wände der Liquorräume auskleiden (siehe auch "Feingeweblicher Aufbau des ZNS"). Er fließt von den beiden Seitenventrikeln in den III. Ventrikel, und von diesem durch das Aquäduct in den IV. Ventrikel. Von hier aus gelangt er über kleine Öffnungen in den äußeren Liquorraum, wo er über kleine Venen in die Lymphbahn abgeleitet und abgebaut wird.

Bezug zur Kinderkrebsheilkunde:

Tumoren aus entarteten Ependymzellen, die bei Kindern und Jugendlichen vorkommen, bilden die Gruppe der Ependymome. Ependymome können überall im Bereich der Liquorräume, das heißt in den Hohlräumen des Gehirns und des Rückenmarks entstehen. Manche dieser Tumoren können selbständig Liquor produzieren und dadurch zum Hydrocephalus führen.

Ein Kleinhirntumor (Medulloblastom, Astrozytom) kann beispielsweise von hinten den IV. Ventrikel verschließen und dadurch zum Liquoraufstau in den beiden Seitenventrikeln (und dem III. Ventrikel) führen (innerer Verschlusshydrocephalus oder Hydrocephalus internus occlusus). Dieser kann vorübergehend sein, oder (durch narbige Verwachsungen nach einer Tumorentfernung oder Bestrahlung) dauerhaft bestehen bleiben. Auf jeden Fall führt er unbehandelt und in Abhängigkeit von der Geschwindigkeit des Tumorwachstums früher oder später zu einer lebensgefährlichen Druckerhöhung in der Schädelhöhle. Neben der Tumorentfernung werden dann zusätzliche neurochirurgische Maßnahmen wie die Anlage einer externen Ventrikeldrainage***‎, eines ventrikulo-peritonealen Shunts [ventrikulo-peritonealer Shunt] oder einer Ventrikulostomie notwendig.

Diese Eingriffe werden in den Texten zu den verschiedenen ZNS-Tumoren innerhalb des Kapitels "Unterstützende Behandlungsmaßnahmen (Supportivtherapie)" noch weiter erläutert.




 
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