Genaue Zuordnung der Krebserkrankung (Klassifikation)

Autor: PD Dr. med. Gesche Tallen, Redaktion: Maria Yiallouros, Freigabe: Prof. Dr. med. Dr. h.c. Günter Henze, Zuletzt geändert: 04.12.2014

Die diagnostischen Untersuchungen dienen dazu, die Art der Erkrankung genau zu bestimmen. Dabei geht es nicht nur darum festzustellen, welches Krankheitsbild vorliegt. Auch innerhalb eines jeden Krankheitsbildes gibt es Unterschiede (zum Beispiel bezüglich des Aufbaus der Tumorzellen oder dem Grad ihrer Bösartigkeit), so dass oft eine weitere Einteilung in verschiedene Unterformen erfolgt. Eine solche Einteilung (Klassifizierung) anhand bestimmter Kriterien ist wichtig, um die Behandlungsplanung bestmöglich auf die Eigenschaften der Erkrankung abstimmen zu können.

Theoretisch kann sich jede Zelle des Körpers bösartig verändern (entarten) und so zu einer Krebszelle werden. Je nachdem, welche Zellart von der Entartung betroffen ist und welche und wie viele Körperorgane befallen sind, unterscheidet man viele verschiedene Krebserkrankungen, die wiederum unterschiedliche Krankheitszeichen und Eigenarten aufweisen.

Aus diesem Grund werden verschiedene Krebserkrankungen unterschiedlich behandelt und weisen auch unterschiedliche Heilungschancen auf. In der Regel treten im Kindes- und Jugendalter andere Krebserkrankungen auf als bei Erwachsenen, das heißt, die bei Kindern und Jugendlichen häufig auftretenden Krankheiten sind im Erwachsenenalter selten, und umgekehrt.

Grundsätzlich lassen sich drei Hauptgruppen von Krebserkrankungen unterscheiden:

  • Leukämien und Lymphome: Sie betreffen die Blutzellen sowie die blutbildenden und lymphatischen Organe wie zum Beispiel Milz, Knochenmark, Lymphknoten
  • Sarkome: Sie entstehen in Nerven-, Binde- und Stützgewebe wie Knochen, Knorpel, Muskeln.
  • Karzinome: Sie entwickeln sich aus Zellen der Organwände und der Drüsen.

Bei Erwachsenen herrschen Karzinome und chronische Leukämien vor. Bei Kindern und Jugendlichen zählen hingegen vor allem akute Leukämien, hochgradig bösartige (maligne) Lymphome und solide Tumoren aus entartetem embryonalen Gewebe zu den häufigsten Krebserkrankungen. Heute geht man davon aus, dass ein Großteil der Krebskrankheiten im Kindes- und Jugendalter bereits vor der Geburt festgelegt ist; die Ursachen dafür sind noch unbekannt.

Einteilung der Krebserkrankung nach Ausbreitung und Bösartigkeit

In den frühen Jahren der Kinderkrebsheilkunde war die Behandlung bei den einzelnen bösartigen Erkrankungen verhältnismäßig einförmig. Man erkannte jedoch bald, dass das Alter des Patienten, der Grad der Erkrankungsausbreitung (also das Krankheitsstadium), sowie feingewebliche (histologische) und molekulargenetische Eigenschaften der Krebserkrankung die Heilungsaussichten des Patienten entscheidend beeinflussen.

Die Einteilung oder Zuordnung einer Krebserkrankung auf der Grundlage verschiedener Parameter wird in der Fachsprache auch als „Klassifizierung“ oder „Klassifikation“ bezeichnet [siehe Tumorklassifikation]. Zwei in diesem Zusammenhang häufig verwendete Begriffe, das "Staging" und das "Grading", werden im Folgenden kurz erläutert.

Staging

Unter "Staging" versteht der Experte die Bestimmung der Tumorausbreitung und somit des Krankheitsstadiums (Stadienteilung). Das Staging erfolgt im Rahmen der Diagnostik mit Hilfe von Laboruntersuchungen, bildgebenden Verfahren (wie Ultraschall, Computertomographie, Magnetresonanztomographie) und nach Entnahme von Gewebe- oder Körperflüssigkeiten durch Punktion, Biopsie und/oder Operation.

Ein relativ verbreitetes, internationales Staging-System, das die Klassifizierung vieler Krebserkrankungen vereinheitlicht, ist die so genannte TNM-Klassifikation. In der Kinderkrebsheilkunde haben sich speziell für einzelne Tumorarten erstellte Stadieneinteilungen bewährt (beispielsweise die Ann-Arbor-Klassifikation bei malignen Lymphomen).

Grading

Erfolgt die Einteilung einer Krebserkrankung anhand der feingeweblichen Eigenschaften der Tumorzellen, spricht man von "Grading". Beispiel einer solchen Klassifizierung ist die WHO-Klassifikation, die bei verschiedenen Krebserkrankungen zu deren weiteren Unterteilung herangezogen wird. Beim Grading wird vor allem berücksichtigt, wie stark sich die Krebszellen von gesunden Zellen unterscheiden. Man schließt daraus auf den Grad der Bösartigkeit (Malignität) eines Tumors.

Mittels verschiedener Techniken können Zellen / Gewebe in den Laboratorien der Pathologie auf bestimmte Weise angefärbt werden, so dass sich unter dem Mikroskop neben der Hauptdiagnose weitere Informationen ergeben, die für eine gezielte Behandlung unabdingbar sind.

So kommt dem Pathologen (zum Beispiel Kinderpathologe, Neuropathologe) in der Kinderkrebsheilkunde eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe zu: Er entscheidet, ob es sich bei dem untersuchten Material überhaupt um Krebszellen handelt oder nicht. Außerdem muss er festlegen, welche Art von Krebserkrankung vorliegt und welche besonderen Eigenschaften diese Krebserkrankung auf feingeweblicher (histologischer) und molekulargenetischer Ebene aufweist. Der Pathologe stellt also die entscheidende Diagnose, nach der sich alle und alles Weitere anschließend richten.

Gut zu wissen: Um beim Staging und Grading Irrtümer so gut wie möglich zu vermeiden, werden die jeweiligen Untersuchungsergebnisse eines JEDEN Kindes oder Jugendlichen mit Verdacht auf eine Krebserkrankung vor Beginn der Behandlung an mindestens ein weiteres kinderonkologisches Behandlungszentrum, das sogenannte Referenzzentrum, gesandt. Dort findet dann eine erneute Begutachtung sämtlicher Befunde durch erfahrene Spezialisten statt.