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Hochmaligne Gliome (Kurzinformation)

Autor: Dipl. Biol. Maria Yiallouros / Dr. med. Gesche Tallen, erstellt am: 09.03.2007, Freigabe: PD Dr. med. Christof Kramm, Zuletzt geändert: 18.01.2012 doi:10.1591/poh.patinfo.hg.kurz.1.20071129 , Kurz-URL: www.kinderkrebsinfo.de/hochmaligneGliome_Kurzinfo

Krankheitsbild

Hochmaligne (hochgradig bösartige) Gliome sind Tumoren des Zentralnervensystems (ZNS). Sie gehören zu den soliden Tumoren und entstehen infolge einer Entartung von Zellen des Gehirns oder Rückenmarks. Da sie direkt vom Zentralnervensystem ausgehen, werden sie auch als primäre ZNS-Tumoren bezeichnet. Damit werden sie von Absiedelungen (Metastasen) bösartiger Tumoren abgegrenzt, die in einem anderen Organ entstanden sind.

Hochmaligne Gliome kommen im Kindes- und Jugendalter nur selten vor, sind aber besonders bösartig, da sie schnell und aggressiv wachsen und dabei das gesunde Hirngewebe zerstören. Die Zellen dieser Tumoren können im Gehirn mehrere Zentimeter weit wandern und dadurch zur Bildung neuer Tumoren führen. Unbehandelt führen hochmaligne Gliome innerhalb von wenigen Monaten zum Tod. Eine Behandlung ist aufgrund des raschen und infiltrierenden Wachstums oft schwierig.

Häufigkeit

Hochmaligne Gliome machen etwa 15 bis 20 % der ZNS-Tumoren bei Kindern und Jugendlichen aus. Sie können in allen Altersgruppen vorkommen, Kinder vor dem dritten Lebensjahr sind allerdings nur sehr selten betroffen. In Deutschland erkranken pro Jahr etwa 60 bis 80 Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren neu an einem hochmalignen Gliom. Dies entspricht einer Häufigkeit von 5 bis 10 Neuerkrankungen pro 1.000.000 Kinder. Jungen und Mädchen sind etwa gleich häufig betroffen.

Formen hochmaligner Gliome

Je nach Lage, Herkunft und Bösartigkeit des Tumors lassen sich verschiedene Formen von hochmalignen Gliomen unterscheiden.

Hochmaligne Gliome des Hirnstamms, so genannte "typische diffus intrinsische Ponsgliome", machen etwa 40 % aller hochmalignen Gliome aus. Sie haben aufgrund ihrer Lage im Bereich der Brücke (Pons) eine besonders schlechte Prognose. Die Brücke (Pons) ist ein Bereich im Hirnstamm, durch den alle wichtigen Nervenverbindungen vom Gehirn zu den Gliedmaßen sowie von den Gliedmaßen zum Gehirn laufen. Selbst ein kleiner Tumor kann hier einen sehr schnellen Krankheitsverlauf nehmen und rasch zu Lähmungen führen.

60% der hochmalignen Gliome kommen in anderen Hirnbereichen, insbesondere in der (Großhirnrinde, vor. Diese Gliome lassen sich anhand feingeweblicher Unterschiede, die Hinweise auf Herkunft und Bösartigkeit des Tumors geben, weiter unterteilen. Grundsätzlich handelt es sich hierbei um Tumoren, die nach einer Einteilung der Weltgesundheitsorganisation (WHO-Klassifikation) als WHO-Grad-III- oder -IV-Tumoren eingestuft werden. Im Kindes- und Jugendalter kommen vor allem anaplastische Astrozytome Grad III und Glioblastome Grad IV vor.

Die verschiedenen Formen der hochmalignen Gliome treten nicht nur unterschiedlich häufig auf, sie weisen zum Teil auch Unterschiede in ihrem Wachstumsverhalten, im Krankheitsverlauf und in ihrer Heilbarkeit (Prognose) auf.

Ursachen

Hochmaligne Gliome entstehen durch bösartige Veränderung (Entartung) von Zellen des Nervenstützgewebes, den Gliazellen. Die Ursache dafür ist noch weitgehend ungeklärt.

Bekannt ist, dass Kinder und Jugendliche mit bestimmten angeborenen Fehlbildungskrankheiten (zum Beispiel einer Neurofibromatose Typ 1, dem Li-Fraumeni-Syndrom oder dem Hippel-Lindau-Syndrom) ein deutlich erhöhtes Risiko haben, an einem hochmalignen Gliom zu erkranken. Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass Gliomzellen Veränderungen bestimmter Gene oder Chromosomen aufweisen. Daraus resultierende Gendefekte können ursächlich daran beteiligt sein, dass aus einer gesunden Zelle eine Gliomzelle wird. Generell werden solche im Tumorgewebe nachweisbaren Genveränderungen aber nicht vererbt und entstehen höchstwahrscheinlich schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt in der Entwicklung. Auch durch eine Bestrahlungsbehandlung des Schädels im Kindesalter, zum Beispiel bei einer akuten Leukämie oder einem bösartigen Augentumor wie dem Retinoblastom, nimmt das Risiko für einen späteren Hirntumor zu.

Krankheitszeichen

Bei Kindern und Jugendlichen mit einem hochmalignen Gliom entwickeln sich Krankheitszeichen aufgrund des schnellen Tumorwachstums im Laufe von wenigen Wochen oder Monaten. Sie entstehen durch den Druck, den der Tumor auf das umgebende Gewebe und im fortgeschrittenen Stadium im gesamten Schädel oder Rückenmarkskanal ausübt. Dabei spielt auch die Schwellung (Ödem) eine wichtige Rolle, die der Tumor im angrenzenden normalen Hirngewebe erzeugt.

Je nach Lage des Tumors und Alter des Patienten kann es unter anderem zu einer Zunahme des Kopfumfanges (Makrocephalus), zu Entwicklungsverzögerungen, Kopf- oder Rückenschmerzen, morgendlichem (Nüchtern-)Erbrechen und Schwindelgefühlen kommen. Auch Gang-, Seh-, Konzentrations-, Bewusstseins-, Schlaf- und Appetitregulationsstörungen sowie Lähmungen oder Krampfanfälle können auftreten.

Diagnose

Findet der (Kinder-)Arzt durch Krankheitsgeschichte (Anamnese) und körperliche Untersuchung Hinweise auf einen bösartigen Tumor des Zentralnervensystems, wird er den Patienten in ein Krankenhaus überweisen, das auf Krebserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen spezialisiert ist (Klinik für pädiatrische Onkologie/Hämatologie). Denn bei Verdacht auf einen solchen Tumor sind umfangreiche Untersuchungen und die Zusammenarbeit von Spezialisten unterschiedlicher Fachrichtungen notwendig, um festzustellen, ob tatsächlich ein bösartiger ZNS-Tumor vorliegt und, wenn ja, um welche Form des Tumors es sich handelt und wie weit sich die Erkrankung im Körper ausgebreitet hat. Die Klärung dieser Fragen ist Voraussetzung für eine optimale Behandlung und Prognose des Patienten.

Zur Diagnosestellung eines hochmalignen Glioms führen – nach erneuter sorgfältiger Anamnese und körperlicher Untersuchung – zunächst Bild gebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie. Mit Hilfe dieser Methode lässt sich genau feststellen, ob ein Tumor des Zentralnervensystems vorliegt. Auch Lage und Größe des Tumors sowie seine Abgrenzung zu Nachbarstrukturen sind sehr gut sichtbar. Bei Kindern mit Verdacht auf Tumoren der Sehbahn erfolgt zudem eine gründliche Untersuchung durch einen erfahrenen Augenarzt. Je nach Krankheits- und Behandlungssituation kommen weitere Untersuchungen hinzu.

Zur endgültigen Sicherung der Diagnose muss eine Gewebeprobe entnommen werden (Biopsie). Eine Ausnahme bilden die Hirnstammgliome (Ponsgliome), die bereits mit einer Magnetresonanztomographie mit ausreichender Sicherheit nachgewiesen werden können.

Therapieplanung

Wenn die Diagnose feststeht, erfolgt die Therapieplanung. Um eine möglichst individuelle, auf den Patienten zugeschnittene (risikoadaptierte) Behandlung durchführen zu können, berücksichtigt das Behandlungsteam bei der Planung bestimmte Faktoren, die die Prognose des Patienten beeinflussen (so genannte Risiko- oder Prognosefaktoren).

Wichtige Prognosefaktoren bei Patienten mit einem hochmalignen Gliom sind die Art, Lage, Ausdehnung und/oder Streuung des Tumors, die anhand der beschriebenen Diagnoseverfahren ermittelt werden. Darüber hinaus spielen aber auch das Alter und der Gesundheitszustand des Patienten eine wichtige Rolle. Alle Faktoren fließen in die Behandlungsplanung ein mit dem Ziel, für jeden Patienten das jeweils bestmögliche Behandlungsergebnis zu erreichen.

Behandlung

Die Therapie der Wahl besteht bei Kindern und Jugendlichen mit einem hochmalignen Gliom aus einer Kombination von Operation, Strahlentherapie und Chemotherapie. Dabei hat die Operation die größte Bedeutung, denn es hat sich gezeigt, dass das Ausmaß der neurochirurgischen Tumorentfernung [Neurochirurgie] den anschließenden Krankheitsverlauf am stärksten beeinflusst. Je radikaler die Tumorentfernung, umso besser ist in der Regel die Überlebenschance des Patienten. Bisher gibt es allerdings keine Behandlung, die sicher verhindern kann, dass der Tumor nicht in kürzester Zeit erneut wächst.

Nach dem derzeitigen Wissensstand können Operation und Bestrahlung dazu beitragen, die Lebenszeit des Patienten zu verlängern. Eine Operation oder Bestrahlung kann jedoch nicht bei allen Kindern durchgeführt werden. Beispielsweise sind Operationen bei vielen Tumoren des Hirnstamms nicht möglich, ebenso wenig eine Bestrahlung bei Kindern vor dem dritten Lebensjahr. Im Rahmen vergangener Therapiestudien hat sich gezeigt, dass eine zusätzliche Chemotherapie die Behandlungsergebnisse verbessern kann.

Behandlung nach Therapieoptimierungsstudie HIT-HGG 2007: Die Behandlung im Rahmen der HIT-HGG 2007-Studie besteht aus einer Operation, an die sich eine Bestrahlung mit gleichzeitig beginnender Chemotherapie anschließt. Die Chemotherapie besteht aus einer fünf- bis sechswöchigen täglichen Behandlung mit dem Zytostatikum Temozolomid. Die intensive Behandlung zielt darauf ab, einen nicht (vollständig) operablen Tumor so weit wie möglich zu verkleinern oder die nach einer kompletten Tumorentfernung möglicherweise im Körper verbliebenen Tumorzellen zu zerstören. Nachfolgend wird versucht, mit einer länger andauernden Chemotherapie (auch Erhaltungs- oder Konsolidierungstherapie genannt), das Behandlungsergebnis weiter zu verbessern. Auch bei dieser Chemotherapie wird das Medikament Temozolomid eingesetzt. Es wird im Vierwochenrhythmus an jeweils fünf aufeinanderfolgenden Tagen verabreicht, die Gesamtbehandlungsdauer beträgt 1 Jahr.

Therapieoptimierungsstudien

In den großen Behandlungszentren werden Kinder und Jugendliche mit hochmalignem Gliom gemäß standardisierter Therapieprotokolle behandelt, die eine Verbesserung der Überlebenschancen dieser Patienten zum Ziel haben. Die Behandlung nach solchen Therapieprotokollen erfolgt in aller Regel im Rahmen von Therapieoptimierungsstudien.

Im deutschsprachigen Raum gibt es derzeit eine Therapieoptimierungsstudie zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit hochmalignem Gliomen oder Ponsgliomen: die Studie HIT-HGG 2007. An der Studie sind zahlreiche Kinderkliniken und Behandlungseinrichtungen in ganz Deutschland sowie in der Schweiz und in Österreich beteiligt. Die deutsche Studienzentrale befindet sich an der Universitätsklinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin in Halle unter der Leitung von PD Dr. med. Christof Kramm. Zugelassen zur Studie sind Patienten zwischen drei und 18 Jahren.

In Planung ist derzeit außerdem eine europaweite Studie zur Erstbehandlung von Säuglingen und Kleinkindern unter drei Jahren, die an einem hochmalignen Gliom erkrankt sind (Euro-Infant-HGG-Studie).

Für Patienten mit einem Rückfall der Erkrankung (Rezidiv) ist seit Anfang 2012 die Phase II-Studie HIT-HGG-CilMetro offen. An dieser Studie können sich Kinder und Jugendliche über 3 Jahren und unter 18 Jahren beteiligen. Die Studienzentrale befindet sich an der Universitäts-Kinder- und Jugendklinik Rostock unter der Leitung von PD Dr. Carl Friedrich Classen.
Eine weitere Rezidivstudie ist in Planung.

Prognose

Die Prognose von Kindern und Jugendlichen mit einem hochmalignen Gliom ist trotz verbesserter Diagnose- und Behandlungsverfahren noch sehr ungünstig. Die Überlebenswahrscheinlichkeit (5-Jahres-Überlebensrate) liegt bei insgesamt etwa 10 %, ist jedoch abhängig von der Lage und Art des Tumors und vom Ausmaß der Tumorentfernung: Sie schwankt daher zwischen 40 % bei komplett entfernten Tumoren und 0 % bei Patienten, bei denen überhaupt keine Therapie möglich ist.

Prinzipiell ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass selbst nach erfolgreicher Erstbehandlung des Tumors ein Krankheitsrückfall (Rezidiv) auftritt. Die Prognose ist noch ungünstiger als bei Patienten, die erstmalig an einem hochmalignen Gliom erkrankt sind. Eine erneute Behandlung kann zwar erwogen werden, die Intensität der Therapie wird aber angesichts der geringen Überlebenswahrscheinlichkeit des Patienten sehr sorgsam bedacht. Die Erhaltung einer möglichst guten Lebensqualität gewinnt bei der Behandlung eines Patienten mit Rezidiv noch größere Bedeutung als bei der Erstbehandlung.

Im Rahmen der derzeitigen Therapieoptimierungsstudien sowie zukünftiger Studien wird versucht, die Prognose für Patienten mit hochmalignen Gliomen und Ponsgliomen stetig weiter zu verbessern.

Anmerkung: Bei den genannten Überlebensraten handelt es sich um statistische Größen. Sie stellen nur für die Gesamtheit der an dieser Form der Hirntumoren erkrankten Patienten eine wichtige und zutreffende Aussage dar. Ob der einzelne Patient geheilt werden kann oder nicht, lässt sich aus der Statistik nicht vorhersagen.

Literaturliste

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PDF-Datei
Patienten-Kurzinformation
zu den hochmalignen Gliomen  urlPDF-Datei
Aufbau und Funktion des Zentralnervensystems
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Studie HIT-HGG 2007
Therapieoptimierungsstudie
für Kinder und Jugendliche mit niedrigmalignem Gliom  urlhier
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